Über mehr als fünf Jahre reicht die Historie des Unterfangens zurück, und spätestens seit 2022 habe ich mich in beinahe jedem FFX-Editorial sowie in jeder Präsidiumssitzung, auf jeder Delegiertenversammlung und bei jeder Symposiumseröffnung dazu geäußert: Der DFV strebt die Rolle des Nationalen Spitzenverbands für den Fallschirmsport in Deutschland an, indem er sowohl bei der FAI als auch beim DOSB als Mitglied aufgenommen wird. Nachdem die General Conference der FAI bereits am 24.10.2025 im finnischen Vantaa die Aufnahme des DFV in die FAI als assoziiertes Mitglied einstimmig bestätigt hatte, war die finale Hürde am Nikolaustag 2025 zu nehmen. In der Pressemeldung des DOSB zur Hauptversammlung am 6. Dezember in Frankfurt heißt es: “Zudem zählt der DOSB vom 1. Januar 2026 an 103 Mitgliedsorganisationen. Der Deutsche Fallschirmsportverband (DFV) wurde mit 95,34 Prozent Zustimmung als neues Mitglied aufgenommen.” Hallelujah!
Warum ist dieser Schritt so wichtig und warum habe ich alle – inklusive derer, die es gar nicht hören wollten oder dachten, das beträfe ohnehin nur ein paar Spitzensportler – über all die Jahre mit diesem Thema genervt? Dazu einige Fakten und Befunde sowie ein bisschen jüngere Geschichte: Noch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden zwei Sparten des Luftsports, nämlich der Segelflug und der Fallschirmsport, mit öffentlichen Mitteln durch das zuständige Innenministerium (BMI) gefördert. Diese sogenannten BMI-Mittel beliefen sich seinerzeit auf ca. 65.000 DM (!) und wurden im Zuge einer Reform der Sportförderung eingangs der Nullerjahre sukzessive auf null reduziert. Die Reform sah eine klare Fokussierung auf olympische Disziplinen vor, was 2006 durch die Fusion des Deutschen Sportbunds (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auch institutionell unterstrichen wurde. Für den Fallschirmsport hatte dies zur Konsequenz, dass der “Sporthaushalt” nur noch aus eigenen Mitteln, sprich aus Beiträgen an die Verbände gespeist wurde.
Zur Erklärung, warum das Wort Sporthaushalt in Anführungszeichen geschrieben steht und warum die Rede von Verbänden (Mehrzahl) ist, ein kleiner Ausflug in die Welt des organisierten Fallschirmsports: Seit seiner Gründung im Jahr 1992 war der DFV Mitglied im Deutschen Aeroclub (DAeC), dem Dachverband für alle Luftsportarten, der seinerseits traditionell für alle diese Luftsportarten als nationaler und internationaler Spitzensportverband fungiert. Er ist einerseits föderal strukturiert, d.h. er hat 16 Landesfachverbände, welche die Sportarten auf Länderebene in den Landessportbünden des DOSB (zuvor DSB) vertreten. Andererseits können ihm sogenannte Monoluftsportverbände angehören, also Verbände wie der DFV einer ist. Zudem hat der DAeC für jede Luftsportart eine Bundeskommission vorgesehen, an welche die Sporthoheit für die betreffende Sportart von Seiten des DAeC-Bund delegiert ist. Weil nun einzelne Mitglieder und Vereine die Wahl haben, ob sie dem DFV oder einem Landesverband des DAeC (oder beiden) angehören möchten, und weil es seit jeher sinnvoll ist, die Interessen aller Sportlerinnen und Sportler in einer Institution zu bündeln, ist es im Fallschirmsport seit 1992 gute Tradition, die Etats nicht zu trennen, sondern einen gemeinsamen “Sporthaushalt” zu managen und auch in allen anderen Fragen, die den Sport betreffen, mit einer Stimme zu sprechen und an einem Strang zu ziehen. Früher gelang dies in der Übergreifenden Fachkommission (ÜFaK), später dann in der BKF, wobei unsere ÜFaK dem Dt. Aeroclub generell als Blaupause für das Modell der Bundeskommissionen diente.
Zurück zur Fördersystematik des Bundes, welche im Verlauf der Jahre dann doch wieder Mittel für nichtolympische Sportarten vorsah, weil der Stellenwert des Sports und die damit verbundene Außenwirkung nicht allein am Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen bemessen werden kann. Ohne hier tiefer in die sportpolitischen Motive und Entscheidungsfindungen einzusteigen, kann festgehalten werden, dass öffentliche Sportförderung auf Bundesebene nunmehr auch auf nichtolympische Sportarten ausgedehnt ist und dabei den Erfolg bei internationalen Spitzenwettkämpfen, also bei Olympischen Spielen, World Games, Weltmeisterschaften und Weltcups zum Gradmesser macht – Förderung für Leistung, oder noch spitzer formuliert Geld für Medaillen.
Wer sich nun etwas näher mit den internationalen Erfolgen im Fallschirmsport beschäftigt, wird schnell feststellen, dass wir hier einiges zu bieten haben, und zwar schon seit Jahren. Also liegt der Schluss nahe, dass auch wir in den Genuss kommen sollten, Fördermittel zu generieren, um den Sporthaushalt, der in den zurückliegenden Jahren stabil, aber eben auch nahezu zementiert mit jährlich 80 bis 100 T€ aus Mitgliedsbeiträgen gefüllt werden konnte, anzureichern. Dies war aber in der weiter oben beschriebenen Struktur nicht möglich, weil das BMI stets auf das Subsidiaritätsprinzip verwies. Sinngemäß kann man es so beschreiben, dass Sportarten erst einmal durch ihre nationalen Spitzenverbände gefördert werden sollen und der Bund erst dann Mittel gewährt, wenn diese Verbände nachweislich keine Möglichkeiten zur Förderung haben. Zur Erinnerung: Unser nationaler Spitzenverband war über lange Jahre der DAeC, der – nicht in der Sparte Fallschirmsport, aber z.B. im Segel- oder Motorflug – über substanzielles Vermögen verfügt und deshalb regelmäßig die Subsidiaritätsprüfung durch das BMI nicht bestand. Mit anderen Worten: Als ordentliches Mitglied im DAeC war keine Förderung durch den Bund zu erwarten.
Diesen Befund haben wir Anfang 2021 zum Anlass genommen, etwas an der Struktur zu ändern, sind auf den damaligen Vorstand des DAeC zugegangen und haben nach vielen Gesprächen einen Antrag auf der HV gestellt, der uns den geordneten Austritt aus dem DAeC mit Übertragung der Sporthoheit für die Sportart Fallschirmspringen ermöglichen sollte. Mit diesem Antrag sind wir krachend gescheitert, nicht nur weil der damalige DAeC-Vorstand intern zerstritten war, sondern weil sich v.a. die DAeC-Landesverbände, auch Regionale Multiluftsportverbände (RMLV) genannt, zur Wehr setzten, da sie einen – weder beabsichtigten noch im Modell angelegten – Exodus an Mitgliedern und den Verlust an Einfluss befürchteten. Es folgte zunächst ein Bruch durch den Austritt des DFV aus dem DAeC zum Jahresende 2022, gefolgt von der Gründung eigener, in direkter Konkurrenz zu den RMLVen stehender Landesfachverbände zur Errichtung der vom DOSB geforderten föderalen Struktur. Zum Glück waren dann im Verlauf des Jahres 2023 Signale aus dem mittlerweile neu besetzten DAeC-Vorstand vernehmbar, welche die Arbeit an kooperativen Lösungen wieder ermöglichten. Es wurde ein Konstrukt geschaffen, bei dem die BKF als faktischer Inhaber der Sporthoheit per “Planmäßiger Zusammenarbeit” mit dem DFV kooperieren durfte, also alle Tätigkeiten an den DFV auslagerte, die mit nationalem und internationalem Spitzensport verbunden sind. Die Zuständigkeit auf regionaler Ebene verblieb bei den RMLVen, und mit zwölf der 16 Verbände konnten Kooperationsvereinbarungen geschlossen werden, welche die Zusammenarbeit näher spezifizierten. Damit ausgestattet beantragten wir Ende 2024 die Aufnahme in den DOSB, wurden aber kurz vor der HV abgegrätscht, weil – entgegen vorheriger Verlautbarungen – die Kooperationsvereinbarungen als nicht hinreichend für die Vertretung auf Länderebene angesehen wurden. Nach Rückzug des Aufnahmeantrags passten wir per a.o. Delegiertenversammlung im April 2025 unsere Satzung und unsere Beitragsordnung an, um RMLVe als institutionelle Mitglieder bei uns im DFV aufnehmen zu können. Der daraufhin ausgesprochenen Einladung folgten im weiteren Verlauf des Jahres immerhin zehn der 16 Landesverbände und damit zwei mehr als die geforderten acht. Nun hatten wir alle Zutaten beisammen, beantragten erneut die Aufnahme in den DOSB, waren inzwischen schon international an die FAI angebunden und gelangten schließlich ans hartnäckig verfolgte Ziel.
Die gefundene Lösung ist nicht weniger als die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. Denn die Zuständigkeit für den Fallschirmsport ist nun dort beheimatet, wo nicht nur die Kompetenzen und der Sachverstand gebündelt sind, sondern wo seit Gründung des DFV auch die maßgebliche Arbeit für unseren Sport geleistet wird. Gleichzeitig ist eine Anbindung an die Landessportbünde in allen Bundesländern möglich – in zehn ist sie bereits institutionalisiert – ohne die Stellung der RMLVe zu beeinträchtigen. Im Gegenteil, sie erfahren sogar eine Aufwertung, weil es für Mitgliedsvereine des DFV interessanter wird, sich auch einem Landesverband des DAeC anzuschließen. Und auch der DAeC-Bund hat etwas davon, weil wir als DFV zumindest eine assoziierte Mitgliedschaft eingegangen sind und damit unsere Zugehörigkeit zur organisierten Luftsportfamilie unterstreichen.
Was bedeutet der neue Status nun unmittelbar und perspektivisch? Zunächst haben wir gute Aussichten, dass die – bereits im Herbst vorsorglich – gestellten Förderanträge bewilligt werden und wir im gerade beginnenden fünfjährigen Förderzyklus an der mittlerweile auf über 20 Mio. € erhöhten NOV-Förderung partizipieren können. Folglich könnten wir den seit Jahren limitierten Sporthaushalt um ein Mehrfaches erhöhen (genaue Zahlen haben wir noch nicht), sodass Kadersportlern nicht nur wie bisher die Teilnahme an internationalen Wettbewerben, sondern auch ein Teil ihres Trainingsaufwands finanziert werden könnte. Zudem können die personellen Strukturen im Leistungs- wie im Breitensport ausgebaut werden, mit deren Aufbau wir bereits vor längerer Zeit begonnen haben, bspw. durch die Ausbildung von Trainern B und A. Und wenn man nun davon ausgeht, dass der Trainingsumfang von Kaderathleten durch finanzielle Förderung zunimmt, während gleichzeitig auch die infrastrukturellen Trainingsmöglichkeiten gezielt verbessert werden können, kommen die Mittel auch an Plätzen und Vereinen in Deutschland an. Zeitgleich geben trainierende und auf Wettbewerben erfolgreiche Sportler dem Nachwuchs den Anschauungsunterricht, der erforderlich ist, um eine längere Perspektive im Sport zu erkennen. Hier ist also die fruchtbare Wechselwirkung zwischen Spitzen- und Breitensport berührt, denn beides ist richtig: Spitzensport nährt Breitensport und Breitensport nährt Spitzensport. Dies ist allerdings kein Selbstläufer, und niemand darf erwarten, dass nun Manna vom Himmel fällt, scharenweise Spitzensportler heranwachsen und den Newbies an allen Plätzen und Vereinen als Vorbilder für den eigenen Werdegang dienen. Der Weg an die sportliche Spitze wird nach wie vor maßgeblich von intrinsischen Motiven, von Ausdauer, vom Willen und von Entbehrungen gekennzeichnet sein, nun vielleicht etwas mehr unterstützt von Zuwendungen durch den Verband. Und die Frage, ob sich eine Disziplin an einem Sprungplatz gedeihlich entwickelt, wird nach wie vor davon determiniert bleiben, ob die Akteure vor Ort Interessierte in den Sport bringen, diesen im Anschluss an die Ausbildung eine Perspektive aufzeigen und sie im Sport halten, womöglich flankiert durch den geförderten Aufbau einer adäquaten Infrastruktur oder die erleichterte Finanzierung des Lehrpersonals.
All diese Maßnahmen sind im Rahmen der “Mission & Vision” Arbeit bereits formuliert und können nun auf gänzlich anderen, nämlich viel besseren Bedingungen aufsetzen. Insoweit ist die Aufnahme in den DOSB kein hinreichender Schritt, aber eine notwendige Voraussetzung dafür, dass das weitere Engagement Früchte tragen kann. So sind wir glücklich über (und auch mächtig stolz auf) das Erreichte und laden alle Gestaltungswilligen dazu ein, die Arbeit für unseren herrlichen Sport beherzt fortzusetzen.
Weil der Erfolg bekanntlich immer viele Väter hat, abschließend mein Dank an diejenigen, die uns auf dem langen Weg begleitet und uns den einen oder anderen Stein aus dem Weg geräumt haben: An den DAeC-Vorstand mit Präsident Claus Cordes und den Vizepräsidenten Ralf Hubo und René Brodmühler, an den Vorgänger von Claus und heutigen LSB-Präsidenten von NRW Stefan Klett, an den langjährigen Vertreter der DAeC-Landesverbände in der BKF und verlässlichen Mitstreiter Gerhard Währisch, an die zahlreichen Präsidenten der kooperierenden Landesverbände des DAeC, an die Delegierten des DFV, die den beherzten Beschluss zum DAeC-Austritt forciert haben, an den Generalsekretär des DFV Ralph Schusser, der eine gigantische Menge an Schriftstücken und Anträgen verfasst hat, sowie an das Führungsduo von GoJump in Gransee, das sehr wirkungsvolle Entscheidungen in Bezug auf die Mitgliederentwicklung getroffen hat. Merci beaucoup!
Dr. Henning Stumpp