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Unabhängig von unserer sonstigen Arbeit hier ist ein wesentlicher Teil auch die Ausbildung von neuem Personal nach geltenden DFV-Richtlinien, sei es Packlehrgänge für die Hauptschirmpacker im Auftrag von Sprungzentren, die notwendige Hospitanz für angehende Sprunglehrer oder auch die komplette Fallschirmwart-Ausbildung.
War es bis letztes Jahr noch derart geregelt, dass der ca. 10-tägige Grundlehrgang des FW nur Sportsysteme umfasste, nach Herstellern „sortiert“, und z.B. Tandemsysteme einer eigenen Ausbildung bedurften, wurde dies neu strukturiert.
Der jetzige Lehrgang umfasst sowohl Sport- als auch Tandemsysteme einschließlich aller MARD-Varianten, unabhängig von Herstellern. Das heißt, es dauert natürlich entsprechend länger. Für das sog. Basis-Modul werden allein 16 bis 20 Tage veranschlagt. Aus der Praxis muss ich sagen, 16 Tage sind nahezu unmöglich.
Dazu aufbauend ist es möglich, sogenannte Zusatz-Module zu erwerben. Zum Beispiel für Rundkappen oder eine sogenannte Nähberechtigung, die mindestens 6 Tage in Anspruch nimmt und den Fallschirmwart dazu berechtigt, kleinere Reparaturen an „nicht tragenden“ Teilen auszuführen, einzelne Leinen zu tauschen (schwieriger, als es sich anhört) oder auch mal einen Flicken an bestimmten Teilen eines Hauptschirms zu setzen.
So weit zur Theorie. Da es aber Geschichten aus der Fallschirmwerkstatt sind, erzählt euch jetzt ein mittlerweile geprüfter Fallschirmwart ein wenig aus der Praxis dieser umfangreichen Ausbildung, ich übergebe das Wort an Matthias Pesch:
Eins vorweg, warum tut man sich das an? Ich bin seit 3,5 Jahren im Sport, habe mittlerweile stolze 287 Sprünge und bringe als staatlich geprüfter Hochbau-Techniker (und Maurer!) ein natürliches Interesse an Technik mit. Und nachdem ich meinen Rigger immer wieder aufs Neue mit Fragen genervt habe, meinte dieser, ob es nicht besser wäre, wenn ich irgendwann über einen FW-Lehrgang nachdenken würde (ich glaube, er wollte sich einfach nicht mehr mit Fragen löchern lassen). Und nachdem ich aufgrund der derzeitigen Corona-Situation viel Zeit hatte, begann ich im Februar mit der Ausbildung.
Die ersten Tage, was soll ich sagen: In Kurzform, es war extrem anstrengend, der Kopf war voll, alle Knochen taten weh, und ja, ab und zu war ich einfach nur noch entnervt.
Angefangen hatten wir mit Theorie, Aufbau eines Fallschirmsystems, verwendete Materialien, Festigkeiten, die ganzen rechtlichen Voraussetzungen. Wo enden die Aufgaben eines Fallschirmwarts, wo muss ein Fallschirmtechniker ran, warum darf ich zwar eine einzelne Leine wechseln, aber einen kompletten Leinensatz darf nur der Techniker wechseln, wer sind meine Ansprechpartner usw.
Dies allein war schon weit mehr, als vorher gedacht, und gleich als Tip vorab, die Internetseiten der Hersteller und des Verbandes könnt ihr euch gleich als Favoriten abspeichern, ihr braucht sie ständig und immer.
Jetzt meint man ja, ok, jetzt geht es ans Reservepacken. Aber weit gefehlt. Erst mal geht es um die Nachprüfung eines Systems. Und die ist umfangreich. Sehr umfangreich. Wie sehr, konnt ich mir auch nicht so richtig vorstellen. Es gibt im ehemaligen DFV-Instandhaltungshandbuch eine Checkliste, die da sehr geholfen hat, aber dass es an einem Gurtzeug über 80 Punkte zu checken gilt, war mir neu. Für mich war es befremdlich, mal die deutschen „Übersetzungen“ unsrer täglich verwendeten Begriffe zu hören (z.B. Bridle = Hilfsschirmverbindungsleine), aber auch damit kam ich klar.
In diesem Zusammenhang geht es natürlich um die Verantwortung. Wann ist etwas „noch ok“, wann wird es kritisch, wann muss gehandelt werden. Gerade bei älteren Gurtzeugen ist es oft nicht einfach. Oder doch? Zwei Aussagen sind bei mir hängengeblieben: „Wenn man drüber nachdenkt, ob oder ob nicht, dann sollte man handeln“ oder, noch einfacher „wenn’s blöd aussieht, ist es blöd“. Mein Ausbilder war oft sehr direkt.
ENDLICH geht’s los mit Reservepacken! Darauf hatte ich ja gewartet. Nur so viel, schreit nicht zu laut „Hier!“, ganz so einfach ist es nicht. Wenn man sich mal die ganzen Manuals zur Hand nimmt, jeder Hersteller will das anders haben, anders gelegt, anders im Container, anders … Nur so viel, kein System ist gleich, mir schwirrte der Kopf, die Knie taten weh.
Eigentlich wird ja eine Reserve nicht viel anders gefaltet wie ein Hauptschirm. Dachte ich. Nur so viel, ich kann jetzt viel besser Klamotten zusammenlegen als vorher. Jede Falte, jede Leine ordentlich nach Vorgabe zu platzieren, nichts soll verrutschen, alles sauber und symetrisch, und dann wird kontrolliert und irgendwas war doch wieder nicht richtig. Das zerrt an den Nerven. Und schafft keine Freundschaften. Der nächste Schritt war nur was kleines. Das Freebag. Genau, es war immer zu klein, und was vorher noch ordentlich aussah, musste dann doch wieder herausgezogen werden. Irgendwann, Gott sei Dank, hat dies so weit geklappt, das Verstauen der Leinen auch, sodaß wir anfangen konnten, uns mit den einzelnen Containern zu beschäftigen. Getreu dem Motto „ein Schritt nach dem andren“ wurde nämlich der nächste Schritt erst angegangen, wenn der vorherige ohne Fehler war.
Aber nein, ich durfte immer noch nicht zumachen, erst mal muss man ja lernen, wie man den neuen Reserveloop richtig verknotet und welche Länge und wie verknüpft man ihn richtig mit der Cypres-Loop-Scheibe. So viele Fragen und so wenig Zeit …
Verschließen der Container: Nur so viel dazu, ich kenne jetzt jeden einzelnen meiner Rückenwirbel auswendig. Vor allem die unteren. Wobei es dabei weniger um „Kraft mal Hebel“ geht, sondern um richtiges Einsetzen der hoffentlich vorhandenen Muskulatur. Als Ingenieur hatte ich natürlich gleich eine Menge Ideen, wie das einfacher geht, das eine oder andere Zugwerkzeug hatte ich im Netz gefunden, dies wurde aber alles unter lautem Fluchen abgelehnt, sodaß ich mir dann doch wieder gern den Rücken verrenkt habe. Nein, ernsthaft, diese Zugwerkzeuge machen keinen Sinn, weil man jegliches Gefühl verliert und der Loop oder das Material sehr schnell Schaden nimmt. Die Systeme sind erstens sehr komplex in sich und auch vollkommen unterschiedllich aufgebaut. Dazu kommen die verschiedenen MARD, RSL-Routings usw. Ohne Manual geht nichts, vieles erschließt sich auch erst auf den zweiten Blick logisch. 14 verschiedene Gurtzeughersteller habe ich kennengelernt, jedes System war anders.
Was war ich glücklich und stolz, als mein erstes verschlossenes System vor mir lag. Und wie deprimiert, als innerhalb von Sekunden mein Werk wieder zerstört wurde und ich wieder von vorn anfing. Und die Falte nicht richtig war. Oder der Loop eine Mini-Faserung hatte (die ich nie gesehen habe) … Die Tage wurden lang …
Ganz zu schweigen von kleinen Einlagen, um das Ganze nicht zu eintönig werden zu lassen. Richtiges Installieren von Softlinks, Hauptschirm-Packen lernte ich auch noch mal komplett neu und im Staubsaugen bin ich Vollprofi.
Und als ich nun dachte, jetzt kann ich alles, kam der nächste Schritt: Die Tandemsysteme. Ich schreib da jetzt nichts weiter dazu, weil mir immer noch die Tränen kommen, aber wer jemals eine Quick 400 in ein Firebird-Tandemsystem gepackt hat, würde mich tröstend in den Arm nehmen.
Ich glaube, wer bis hierhin gekommen ist, für den ist die Hürde der Prüfung nicht mehr allzu hoch. Am Anfang dachte ich, der alte Mann übertreibt, aber es ist wirklich so, es entscheidet sich im Laufe der Ausbildung, ob man nun geeignet ist oder doch nicht.
Die Prüfung fand direkt vor Ort statt, ein weiterer Techniker ist dafür nötig, die Prüfung besteht aus einer Theorieprüfung (für die man während der eh schon langen Tage dann auch noch lernt) und einem Praxisteil. In meinem Fall war dies ein UPT Sigma-Tandem mit Skyhook zum Prüfen und Packen, sowie, fast schon easy, ein Rigging Innovations Curv mit Mojo, und ja, ich war der glücklichste Mensch der Welt, als ich es erfolgreich hinter mir hatte. Das war es aber noch nicht, wollte ich doch auch gleich noch die Nähberechtigung. Mir wurde gesagt, Rigging sei der Versuch, mit teilweise 100 Jahre alten Nähmaschinen Stoff und Fäden so zu verbinden, dass sie auch in der Luft ihre Form behalten.
Was ich lernte? Eine Leine auf den Millimeter genau zu tauschen, etwas, was ich im Vorfeld für lächerlich gehalten hatte, bevor ich die Begriffe „Dehnung“ und „Schrumpfung“ in diesem Zusammenhang verstand. Steuerleinen zu kürzen ist da schon eher meins. Einen sauberen Patch auf eine Fallschirmkappe zu setzen. Schon mal mit Zahnarztwerkzeug gearbeitet, um saubere Nähkanten hinzukriegen? Unvorstellbar! Wer jemals versucht hat, eine eingeölte Einkaufstüte sauber aneinander zu nähen, versteht, was ich meine.
Reparaturen an Beingurtpolstern, Einfassbänder oder Klett wechseln. Das hört sich alles sehr einfach an, ist aber oft mühselig, weil man ja immer irgendwie das schwere Gurtzeug davon abhalten muss, vom Tisch zu rutschen, während man zugange ist.
Mein Fazit
Sehr viel Input, sehr anstrengend, ungemein interessant. Es macht keinen Sinn, diesen Lehrgang anzugehen, ohne es ernst zu meinen. Oder mal so nebenbei.
Bin ich gerüstet? Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ich habe nur eins begriffen, wir lernen nie aus, die Ausbildung geht immer weiter, wir lernen immer dazu.
Und, am wichtigsten, Verantwortung ist nicht teilbar, das muss uns allen bewusst sein.

Matthias Pesch / Raphael Schlegel

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