Anzeige

paratec-think-vertical

 

„Gut, dass ich meine Reserve dieses Jahr wieder nicht gebraucht habe, ich weiß gar nicht, ob ich im Ernstfall richtig reagieren würde!”

Springer, 1450 Sprünge

„Ich habe jetzt ein System mit Skyhook und bin mir unsicher, ob ich bei einem tiefen Notabsprung ohne abzutrennen nur die Reserve ziehen kann? Der Hauptschirm ist ja mit dem Freebag verbunden. Fragen will ich bei uns am Platz niemand, sonst denken die, ich habe keine Ahnung.”

Springer, 120 Sprünge

Zwei unterschiedliche Aussagen, die uns dazu bewegten, etwas näher auf das Einleiten des Notprocederes einzugehen. Ist schon klar, außer den Riggern freut sich am Platz niemand über eine Reserveaktivierung! Wir haben eine Bestätigung, dass unsere Arbeit gut funktioniert hat (das ist sehr wichtig für uns!), und freuen uns über einen Folgeauftrag (das ist auch wichtig für uns! :-).

Für den Springer sollte aber eine Aktivierung der Reserve kein Szenario darstellen, welches Unwohlsein verursacht. Ganz im Gegenteil, haben wir doch so ein gut funktionierendes Abtrenn- und Reservesystem in unserer Ausrüstung verbaut plus oftmals noch zusätzliche Schutzmechanismen wie MARD Systeme (Main-Assistent-Reserve-Deployment z.B. Skyhook, Trap, RAX, Mojo) und RSL (Reserve Static Line). Zwei Griffe in der richtigen Reihenfolge ziehen und wir haben die Situation gemeistert. Die Hauptkappe fliegt weg und die Reserve öffnet sich schneller, als man bis 3 zählen kann.

Was daran bringt also unsere Stresshormone schon am Boden ins Taumeln und warum haben wir so viel Bammel vor dem Tag X, an dem wir unser Notverfahren zum Einsatz bringen müssen? Die Sprunganzahl und die Zeit im Sport haben darauf übrigens so gut wie keinen Einfluss. Nach meiner Ansicht ist es ein Zusammenspiel aus Unwissenheit, was die Funktion der Ausrüstung angeht, und Unsicherheit in seine Fähigkeiten, was dem einfachen Aspekt geschuldet ist, dass das Abtrennen und Reserveziehen nicht einfach so scharf geübt werden kann und es auch keinen Windtunnel dafür gibt, um das real zu simulieren.

Ich finde es immer eine positive Erfahrung, wenn Leute schon während ihrer Ausbildungssprünge eine Reserve haben. Das gibt von Anfang an Selbstvertrauen in die richtige Reaktion und Vertrauen in die Technik. Wer das einmal erfolgreich hinter sich gebracht hat, springt meistens deutlich unbeschwerter.

Das Fundament eines guten Notverfahrens wird generell in der Groundschool beim Antritt der Ausbildung gelegt. Dort übt und konditioniert man motorische Handgriffe und Bewegungsabläufe, um diese zu verinnerlichen. Welches Verfahren ihr auch immer dort gelernt habt, bleibt diesem treu und ändert es nicht! Bis heute hat kein Schutzmechanismus, wie z.B ein MARD System, Einfluss auf die Reihenfolge der Griffesequenz! Das Notverfahren soll funktionieren, ohne dass wir groß nachdenken müssen. Der Abruf der motorischen Bewegungsabläufe im Idealfall schnell und kontrolliert. Möglichkeiten gibt es ja viele, schauen – greifen – ausschälen – ziehen, mit einer Hand oder beidhändig. Was denn nun die absolut richtige Methode dafür ist, dafür gibt es von der technischen Seite, keine eindeutige Aussage. Wichtig ist nur, bleibt in der richtigen Sequenz!

Übt das Procedere am Boden und im Steigflug, checkt eure Griffe im freien Fall und an der offenen Kappe, um immer an der richtigen Stelle zu sein. Nutzt die Gelegenheit bei der jährlichen Inspektion und zieht die Griffe scharf am Boden, um ein Gespür für den Kraftaufwand und Zugwinkel zu bekommen. Um die Griffe zu ziehen, brauchen wir zwischen 2 und 10 kg Zugkraft, je nach Herstellerrichtlinie.

Die jährliche Inspektion und regelmäßige Wartung haben enormen Einfluss auf diese Angaben. Ein stark verschmutztes oder beschädigtes gelbes Abtrennkabel, kann locker auf die doppelte Zugkraft hinauslaufen und das scheinbar einfache Manöver deutlich verzögern.

Ist das System einmal geöffnet, lasst euch die kleinen Details erklären. Zum Beispiel sieht euer Vorbremssytem minimal anders aus als beim Hauptschirm.

Der Freebag ist nicht mit der Reservekappe befestigt und fliegt nach der Öffnung einfach weg. Dies verhindert ein eventuelles Verwickeln mit dem Reservefallschirm.

Hat man ein MARD System verbaut, verbleibt die Hauptkappe ebenfalls am Freebag und fällt als ein Teil vom Himmel.

Es gibt in jeder Rigging Loft genügend Anschauungsobjekte und Fachwissen, um sich wertvolle Details für ein besseres technisches Verständnis abzuholen. Schaut man sich ein Demo-System für ein Skyhook einmal genauer an, sieht man, dass speziell für das Szenario eines Notabsprunges oder AAD-Aktivierung eine Art Sollbruchstelle eingebaut ist, die die Verbindung von Hauptschirm und Reservefreebag trennt.

Diverse Hersteller bieten auf Demo-Touren die Möglichkeit, einen Reservefallschirm als Hauptkappe Probe zu springen, um sich mit den Flugeigenschaften eines Langsamflugprofils besser vertraut zu machen. Dies ist auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, seine Reserve kennenzulernen, und gibt Selbstvertrauen, um damit besser fliegen und landen zu können. Im Idealfall liegen Hauptschirm-Größe und Reserve-Größe nicht allzu weit auseinander. Am besten ist die Reserve immer ein paar sqft größer als der Hauptschirm, zumindest sollte sie gleichwertig sein. Gerade bei tiefen Öffnungen oder kleinen Landeflächen ist das Handling unter Stress wesentlich entspannter, als noch zusätzlich mit den Problemen einer kleineren, schnelleren Kappe zu dealen.

Viele Sprungplätze veranstalten einmal jährlich einen Refresher Day, wo man gerade zum Saisonstart in einem Hängergurtzeug, unter der Anleitung von Lehrpersonal, verschiedene Szenarien simulieren und üben kann.

Vorbereitet zu sein spart Zeit und Höhe und gibt uns mentale Sicherheit, speziell für diese wichtige Maßnahme.

Es ist wichtig, dass ihr mit eurem System vertraut seid und auch die technischen Abläufe versteht. Ansonsten können Mechanismen, die uns Sicherheit vermitteln, schnell zur Gefahr werden. Wenn ihr also umsteigt auf eine neue Ausrüstung, lasst euch vom Fachpersonal auch die technischen Funktionen eures Spielzeugs erklären und schaut evtl. beim Zusammenbauen mit über die Schulter. Es gibt also keinen Grund, ein Jahr ahnungslos vom Himmel zu fallen und sich wertvolle Kapazitäten zu rauben. Fragenden Menschen kann geholfen werden!

In diesem Sinne wünschen wir euch, eure Reserve nicht so schnell zu Gesicht zu bekommen, wenn aber doch – habt keine Angst davor, das Richtige zu tun!

Sepp Bunk, Raphael Schlegel

Kategorien

Anzeige

westerwings