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Geschichten aus der Fallschirmwerkstatt – so heißt diese Rubrik, und da wir wieder jede Menge neue Gesichter in diesem Sport haben, widmen wir uns in dieser Ausgabe mal wieder dem Thema „erste Ausrüstung“. Leider ist es jedes Jahr das gleiche Bild, der Schein in der Tasche, die verzweifelte Suche nach dem Equipment beginnt, man durchsucht das Internet, fragt sich einen Wolf auf der Dropzone, das Geld ist knapp, die Wünsche groß … Ich bekam als Krönung einen Anruf eines „Noch-nicht-Lizenzlers“, der mich fragte, ob es möglich sei, das Fallschirmsystems seines Onkels, offensichtlich verdientes Mitglied des Luftsturmregiments 40 der NVA (!) wieder flottzumachen und als Anfängersystem zu nutzen. Und nein, es war kein Gag fürs Radio …

Unsre neuen Sportkollegen starten dann gerne auch mal Suchanzeigen wie „Anfängersystem gesucht, 150 bis 190, freeflytauglich, Farben egal …“ Und schon rasseln die PNs mit den Schnäppchen ins Haus. Oder man sieht das eine oder andre verlockende Angebot im Netz … Und weil es für unsre Newbies sehr schwer ist, gut und schlecht zu unterscheiden, haben wir uns schon vor einiger Zeit mal einige Angebote genauer angesehen.

Hier einige Auszüge aus bekannten Foren:

Hauptschirm „still crispy“

„still crispy“ (mein Lieblingswort): interessant bei 1200 Sprüngen… Ich bilde mir auch immer ein, mit über 50 noch knusprig zu sein, aber irgendwie……

„Gurtzeug passend für 170cm bis 185cm“

Das war mal eine interessante Maßanfertigung. Oder ist es verstellbar? 

„Passend für 100 bis 125 Kilo“

Länge oder Breite? Schulter oder Hüfte? Hmmmm……..

„MicroRaven 150, Baujahr 1992, keine Lifetime-Begrenzung, nur 300 Euro“

Das ist doch mal ein echtes Schnäppchen…….

„Erst 600 Sprünge, Leinen in TOP Zustand“

AHA….. Jeder Hersteller gibt dringende Empfehlungen raus, nach wieviel Sprüngen ein Leinenwechsel vorzunehmen ist. Das haben die getestet!!!! Das schreiben die nicht ohne Grund!!!!

„Hauptschirm aus 10/1996 in einem sehr guten Zustand“

………echt jetzt?

Worauf wollen wir eigentlich hinaus:

Ihr habt jetzt eure Lizenz, die habt ihr euch auch redlich verdient, weil ihr offensichtlich vernünftig genug seid, mit diesen ganzen neuen Eindrücken klarzukommen und richtig auf evtl. Vorkommnisse zu reagieren. Letztendlich hängt ihr eure Gesundheit (und auch die der andren, die mit euch im Flieger sitzen und nicht mehr rauskommen, weil euch beim Exit das Handdeploy aus eurem 22 Jahre alten freefly-tauglichen System ins Leitwerk des Fliegers geflogen ist) an ein bisschen Stoff und ein paar Leinen.

Und es macht auch nichts, dass euer „passend für 170 bis 185 cm“ gemachtes Gurtzeug bei euren ersten Sitzversuchen 20 cm von eurem Rücken wegsteht. Es wird ja von eurem Hinterkopf und den Beingurten daran gehindert, weiter hochzurutschen. ? Und natürlich macht eine 25 Jahre alte MicroRaven das mit, wenn ihr bewusstlos mit 300 Sachen ins Cypres fallt.

Ein Großteil dessen, was da jedes Jahr in den Foren auftaucht, sind Komponenten, die nicht direkt und schnell am Platz verkauft werden konnten. Und oft hat dies seinen Grund.

Gute und geeignete Systeme sind zurzeit sehr selten, was daran liegt, dass unser Sport immer populärer wird und wir sprunghaft mehr Lizenzen haben. Also, wo bitte sollen denn die ganzen Systeme herkommen?

Am auffälligsten ist dies in der Damenwelt: Wir haben erfreulicherweise immer mehr Frauen in diesem Sport, die naturgemäß eine völlig andre Statur haben als wir Kerle. Vor zehn Jahren war die Verteilung aber noch völlig anders, Frauen eher die Ausnahme, entsprechend gibt es auch kaum gebrauchte Gurtzeuge für Mädels auf dem Markt. Logisch? Logisch.

Ihr MÜSST auch nicht sofort nach Lizenz euer eigenes System haben, keiner zwingt euch dazu, ihr müsst nicht jeden Schrott kaufen, nur damit ihr was eigenes habt. Oft gehört Geduld dazu und vor allem die richtige Beratung. Und ja, auch Geld. Die eierlegende Wollmilchsau für unter 3000 Euro gibt es nicht, definitiv nicht, egal, was man euch erzählen will. Ihr jagt in Zukunft jedes Jahr ein paar tausend Euro in den europäischen Luftraum, dann nehmt ein bisschen mehr in die Hand und sorgt dafür, dass es SICHER ist und ihr immer mit einem strahlenden Lächeln wieder gelandet seid.

Dasselbe gilt auch für die übrigen Komponenten:

Helm: Nein, es ist weder der alte Militärhelm vom Papa geeignet noch die Fahrradschale der kleinen Schwester.

Und um eines vorweg zu sagen, es gibt kaum Skydive-Helme auf dem Markt, die einen ECHTEN Schutz für euren Kopf bieten, sie erfüllen auch nicht die Anforderungen eines richtigen Motorradhelmes. Die wenigsten haben eine Zulassung als Sturzhelm, und wenn, dann schlägt sich dies natürlich im Preis nieder. Gerade in unserer Sparte bewegen wir uns in einem Randbereich mit geringen Stückzahlen, eine Zulassung ist extrem teuer, und muss immer wieder neu beantragt werden.

Es gibt renommierte Hersteller auf dem Markt, deren Helme euch einigermaßen vor Stößen schützen und zumindest einen kleinen Schutz vor größeren Verletzungen bieten. Letztlich sind sie für unseren Sport getestet, haben Aufnahmen für akustische Höhenwarner und im Idealfall auch praktikable Lösungen für Kameras u.ä. Schaut euch bei euren Kollegen um, bevor ihr Geld ausgebt, kauft einmal, aber richtig.

Höhenmesser: Oft ist die erste Frage: analog oder digital?  Unsere persönliche Erfahrung: Am Anfang ist eine analoge Anzeige besser. Man kennt es aus der Ausbildung, die farblich eingeteilten Segmente sagen dir auf den ersten Blick, dass du allmählich aufwachen und die Wäsche lüften solltest, und letztendlich verarbeitet das Gehirn einen Zeiger schneller als Zahlen. Zumal bei den digitalen eines hinzukommt, was man gern vergisst: diese sind aufgrund ihrer monochromen Displays oft in der Sonneneinstrahlung schwer abzulesen, man schaut nicht einmal, sondern öfter.

Bevor ihr einen kauft, welchen auch immer, versucht ihn euch doch bei einem Kollegen mal für einen Sprung auszuleihen, macht euch euer eigenes Bild.

Kombi: Es gibt sehr viele Kombihersteller auf dem Markt, noch mehr technische Raffinessen an den Klamotten, vieles, was man nur in speziellen Disziplinen benötigt.

Was wollt ihr machen, in welche Richtung soll es gehen? Richtig, das wisst ihr noch nicht, aber die alte Panzerkombi oder das Einhornkostüm vom Fasching ist eher ungeeignet.

Eine Freefly-Kombi mit ein paar Griffen dran ist für den Anfang eine gute Lösung. Ihr könnt alles machen da oben, sie unterstützt eure individuelle Fallrate, ohne dass euch irgendwelcher Flatterstoff die Griffe verdeckt …

Welcher Hersteller? Eine vernünftige Kombi kostet Geld, ja, und es gibt mittlerweile den einen oder andren Nähbetrieb irgendwo im pakistanisch-indisch-russischen Grenzgebiet, der sie garantiert billiger machen kann. Aber versucht diesen mal zu kontaktieren, wenn irgendwas nicht stimmt. Oder geändert werden muss. Oder Euch der Stoff nach zehn Sprüngen in der Kniekehle hängt …

Was braucht ihr noch am Anfang? Nichts, vielleicht noch ne Brille, wenn ihr nen Halbschalenhelm habt, aber sonst? Das Individuelle kommt später, mit der Zeit hat jeder Extrawünsche, aber jetzt ist nur wichtig, dass ihr sicher aus dem Flieger fallt, ohne jedes Mal den Höhenmesser mit den Zähnen festhalten zu müssen, weil der Klett nicht mehr hält. 😉

Passt auf euch auf da draußen!

Raphael Schlegel/Sepp Bunk

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