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Auf einem der ersten Zielsprungwettkämpfe und der vorangegangenen Trainingswoche Ende Mai begegnete ich in Belluno Paul Gommers (51), unterschenkelamputiert, und staunte nicht schlecht, als ich ihn mit seiner Prothese eine Null treten sah. Ich wurde neugierig und bat ihn um dieses Interview:
GK: Paul, wie kam es zu deiner Unterschenkelamputation?
Paul: Bei einem Demosprung auf ein 3×3 Meter kleines Panton musste ich dem Fotografen ausweichen und landete am Rand. Das war 2008. Über die Jahre folgten insgesamt 9 Operationen, die jedoch nicht zum gewünschten Erfolg führten. Die Schmerzen waren so groß und selbst mit starken Medikamenten kaum beherrschbar, so dass ich mich 2016 zur Amputation entschloss.
GK: Hast du die Entscheidung für die Amputation jemals bereut?
Paul: Nun, das Leben mit einer Unterschenkelprothese hat natürlich Nachteile, z.B. im Bad oder auch im Schlafzimmer, Phantomschmerzen. Aber ich habe gelernt damit zu leben und brauche jetzt keine Morphine mehr zu nehmen.
GK: Du bist so agil, Paul, wie machst du das?
Paul: (lacht) Nach der Amputation natürlich Reha. Dann muss man an der eigenen Akzeptanz für den Status quo arbeiten und an seinem Körper. Zweimal pro Woche gehe ich zur Sportschule, das ist sehr wichtig. Außerdem bin ich ein bewegungsfreudiger Mensch und brauche die körperliche Anstrengung. Nach der Amputation habe ich verschiedene Sportarten ausprobiert: Bogenschießen, da war ich sogar recht gut, und Diskuswerfen waren mir jedoch körperlich nicht fordernd genug. Dann habe ich Sitzvolleyball für mich entdeckt, fand das ganz toll und habe sogar eine Mannschaft aufgestellt für PTSD-Betroffene, die ich trainiere. Wir spielen in der 1. Liga der Niederlande an vorderster Stelle!
GK: PTSD?
Paul: Post Traumatic Stress Disorder. Menschen mit dieser Konditionierung erleben durch einen individuellen Trigger das Gefühl, das sie während der Traumatisierung erlebten, immer wieder. Das kann z.B. zu einem Freeze (Erstarrung) oder zu Aggression führen.
GK: Was sind die Trigger?
Paul: Das sind häufig Geräusche, können aber auch Gerüche sein oder optische Reize. Da wir in Hallen vor Publikum spielen, sind es meistens Geräusche, die als Trigger wirken, manchmal reicht ein Fingerschnipp als Auslöser für einen Freeze. Die Mitspieler erkennen das sofort und sind füreinander da. Mit einer Berührung und beruhigendem Zuspruch holen sie einander da wieder raus und weiter geht‘s. Sensibilität, Verständnis und gegenseitige Unterstützung sind recht ausgeprägt. Sie sorgen für ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Spieler kommen sogar zum Training, selbst wenn sie an dem Tag gar nicht trainieren können, nur um bei der Mannschaft zu sein. Das mitzuerleben ist beeindruckend und gleichzeitig zutiefst befriedigend.
GK: Wie kamst du darauf, eine Mannschaft für PTSD-Betroffene zu gründen?
Paul: Ich selbst bin betroffen. Ich war Zeuge eines schweren Unfalls mit einem Zug. Kinder waren beteiligt. Es ging alles sehr schnell. Ich war so nah dran, dass ich von umherfliegenden Körperteilen getroffen wurde. Mein persönlicher Trigger ist das Klingelgeräusch kurz vor Einlaufen des Zuges.
GK: Paul, du hast 1990 mit der Springerei begonnen und warst recht erfolgreich, u.a. elf Mal Niederländischer Meister. Dass du wieder zurück wolltest, kann ich gut verstehen. Aber mit amputiertem Unterschenkel. Hattest du keine Zweifel, mit dem Zielspringen wieder anzufangen?
Paul: Nein, ich hatte nur Angst, es ganz aufgeben zu müssen.
GK: Eben habe ich gesehen, wie du mit links, deiner Prothese, eine Null getreten hast. Wenn ich‘s nicht gesehen hätte, könnte ich‘s nur schwer glauben.
Paul: Die Prothese ist prima angepasst, sie ist beinah wie mein eigenes Bein. Zunächst habe ich versucht, mit rechts zu treten, aber es gelang nicht, weil ich schon tausende Sprünge immer mit links getreten habe. Einmal dachte ich, ah, jetzt! Diesmal habe ich mit dem rechten Fuß eine Null getreten! Aber das Video zeigte, dass ich im letzten Moment den Fuß gewechselt und doch mit dem linken getreten habe. Natürlich haben wir die Ferse am Turnschuh modifiziert, da ich die Fußspitze ja nicht anheben kann. Seitdem geht‘s wieder sehr gut.
GK: Während unserer Trainingstage hier in Belluno hast du dir von unterschiedlichen Leuten ihre Packweisen zeigen lassen. Warum? Du bist doch Rigger.
Paul: Das stimmt. Aber du weißt ja selbst, dass Zielschirme zu knalligen Öffnungen neigen. Jeder hat für sich seine Packweise entwickelt, mit der er sich wohlfühlt. Diesbezüglich lerne ich immer gern dazu! Ich bin meistens an erster oder zweiter Stelle im Team, öffne also bei voller Geschwindigkeit. Ich suche noch immer nach einer für mich idealen Packweise, die eine zügige, aber nicht zu knallige Öffnung erlaubt. Je heftiger der Öffnungsruck, umso größer wird die Sorge, meine Prothese zu verlieren.
GK: Ah, daran habe ich gar nicht gedacht! Ist das schon mal passiert?
Paul: Ja. Wir haben sie wiedergefunden. Sie steckte aufrecht mit Fuß und Gelenk im Acker, aber der Schaft war zerstört. Da brauchte ich eine neue. Gottlob wurde niemand verletzt. Aber teurer Sprung!
GK: Zum Schluss noch eine Frage: Welche Botschaft hast du für Menschen, die ein schweres Trauma erlitten haben?
Paul: Höre auf deinen Körper! Akzeptiere deine Gefühle und hol dir dein Leben zurück!
GK: Hol dir dein Leben zurück. Das klingt, als brauchte man viel Selbstvertrauen und einen starken Willen.
Paul: Das hat jeder in sich. Aber erkennen kannst du‘s erst, wenn die Leute um dich herum aufhören, die Dinge für dich zu erledigen.
GK: Und was rätst du den gesunden Menschen im Umgang mit den (vermeintlich) Disabled?
Paul: Bitte gebt nur Ratschläge, wenn ihr darum gebeten werdet. Behandelt uns wie ganz normale Menschen und lasst uns erst mal alles selber tun!
GK: Paul, ich habe viel gelernt und danke dir für das aufschlussreiche Gespräch!
Paul: Gern! Ich danke für dein Interesse!

Gerda Klostermann-Mace

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