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Wer von uns kennt es nicht, dieses einzigartige Aroma, das durch die Verbrennung von frisch gezapftem Jet A-1 in einer Turbine entsteht und unser aller Herzen höher schlagen lässt? Neben literweise Adrenalin wird durch unseren Sport auf der anderen Seite aber auch CO2 freigesetzt. Tonnenweise!
Unser Sport ist fern von umweltfreundlich und Treibhausgase sind aktuell in aller Munde. Im Vergleich zu Fußläufigen leisten wir somit einen größeren Beitrag zur misslichen Situation unserer Umwelt [1], die die kommenden Generationen ohnehin kaum bewältigen können.
Allen ist das bewusst. Für viele von uns überwiegt allerdings der persönliche Zugewinn unseres Sports, jede Motivation nach alternativen Lösungen zu suchen. Manchen bereitet das aber Sorge. Einigen derart, dass sie sogar überlegen, gänzlich mit dem Sport aufzuhören. Der Sport, mit dem man sich unverzichtbar identifiziert und mit dem wir viele großartige Erinnerungen verbinden.
Die Fakten
Der Großteil unserer Emissionen fällt an, sobald das Absetzflugzeug operiert. Also während des Boardings, des Taxiing oder des Steigflugs. Je nach Art des Treibstoffs und Güte der Verbrennung entstehen nebst anderem chemischem Abfall pro Liter etwa 2,5 kg CO2 [2]. Das summiert sich auf bis zu 200 kg CO2 pro Load, was je nach Auslastung der Absetzmaschine 8-16 kg pro Kopf bedeutet (vgl. Tab. 1). Hierfür haben wir 16 Sprungplätze in Deutschland um Auskunft über ihren durchschnittlichen Verbrauch pro Load und Auslastung (Springer*innen pro Load) gebeten – zu acht Maschinen liegen uns Antworten vor.
Pro Kopf-CO2-Emissionen nach Absetzflugzeug in kg (Anzahl Werte)
Cessna 182 (3000m) 10,71 (1)
Cessna 206 (Turbine) 13,86 (1)
Pilatus Porter PC6 15,40 (3)
Cessna 208 Caravan (A/B) 11,86 (3)

Tab. 1: Pro Kopf-CO2-Emissionen nach Absetzflugzeug pro Load
In Relation zu unserem erweiterten Alltag als Springer*in werden diese Zahlen nachvollziehbarer (siehe Abb. 1):
Transatlantischer Flug: FRA – ORL (Skydive Deland), Hin- und Rückflug in der Economy (durchschnittlich ca. 3,9 t) [3] Innereuropäischer Flug: DUS – FAO (Skydive Algarve), Hin- und Rückflug in der Economy (durchschnittlich ca. 711 kg) [3] Durchschnittliche jährliche Fahrleistung je PKW (13.600 km, ca. 1,9 t) [4, 5] Durchschnittliche jährliche CO2-Emission pro Bundesbürger*in (10,4 t) [6] Zum Vergleich: theoretische klimaverträgliche CO2-Emission eines Menschen (1,5t) [7] Abb. 1: CO2-Emissionen nach Anzahl der Sprünge im Vergleich
Auch der energetische Aufwand und die Bindung von Ressourcen zur Herstellung unserer Ausrüstung sind nicht zu vernachlässigen. Betrachtet man allein den CO2-Ausstoß bei der Produktion der Kunstfasern, die in der Regel in unserer Ausrüstung Verwendung finden, kann man in erster Näherung von rund 50-60kg CO2-Äquivalente pro kg Endprodukt ausgehen. Springer*innen, die ihre Sprungtasche tragen müssen, wird klar, dass da schnell 20kg zusammenkommen. [8] Neben der obligatorischen Sprungausrüstung belasten auch eigens für den Sport zugelegte Anzüge das CO2-Konto. Besonders viel Stoff wird bei der Herstellung eines Wingsuits verbraucht. Wenn man auf dem Gebrauchtmarkt nicht fündig wird, weil keiner der maßgeschneiderten Anzüge passen will – oder das deutsche Ego nur das Neuste verträgt –, kauft man in der Regel eben neu. Aber auch in diesem Fall gibt es Möglichkeiten für CO2-bewussten Konsum.
Projekt ZERO Waste
Einen Weg, um Ressourcen zu schonen, beschreitet nun auch der Hersteller Intrudair mit seinem ZERO Waste-Projekt. Die zugrunde liegende Idee: Wingsuits aus übrig gebliebenen Materialien bereits gefertigter Suits herstellen. Ihren Ursprung fand die Idee in unserem Bestreben einen Kompromiss zwischen dem CO2-Dilemma und unserer Hingabe für unseren Sport zu finden. Ein unsere Idee unterstützender Wingsuit existiert bereits: eine visionäre Havok des Herstellers Phoenix Fly aus dem Jahr 2018 (Abb. 2). Intrudair, ungarischer Hersteller für Wingsuits und Skydiving-Gear, zeigte sich sofort begeistert von der Idee einer Zusammenarbeit im Namen der Umwelt. Mindestordermengen von Stoffbahnen – insbesondere mit Individualdruck (sog. Custom Print) – und Verschnitt bei der Herstellung der Suits führen zu einem nennenswerten Materialrest, für den sich anderweitig wenig Verwendung fand (Abb. 3). Durch effizienten Zuschnitt kann aus diesen Restmengen, die allein nicht für einen kompletten Wingsuit reichen, ein vollwertiges Produkt hergestellt werden (Abb. 4). “Neues” Verbrauchsmaterial fällt lediglich für die Standard-Teile, wie Reißverschlüsse, Druckknöpfe und Garn an. Der größte Materialanteil neuer Ressourcen entfällt allerdings auf die Stoffe, die sonst entsorgt würden. Im Ergebnis entsteht ein funktional vollwertiger Wingsuit in einem völlig einzigartigen Design (Abb. 5). Fünf Wingsuits sind bisher so entstanden.
Abb. 2: auslösendes Vorbild für das Projekt ZERO Waste
Abb. 3: Auswahl übrig gebliebener Stoffbahnen
Abb. 4: semiprofessionelle Vorlage à la Windows Paint für Intrudair
Abb. 5: Modell Nr. 1 und 2 vom Besten (Philip Berstermann) werbewirksam inszeniert
Das Prinzip ZERO Waste lässt sich auch auf die übrige Produktpalette übertragen und ist insbesondere bei Wiederverwendung von Sonderfarben oder jenen Custom Prints ökologisch sinnvoll wie auch optisch effektvoll/wertvoll. Intrudair hat das Konzept auf Teile ihrer Sommerkollektion, den sog. Funky Shorts, übertragen. Letztendlich bleibt zu erwähnen, dass ein höherer Arbeitsaufwand für diese Suits anfällt, weshalb diese Option mit 250 Euro zusätzlich berechnet wird. Nachhaltigkeit hat in diesem Fall ihren Preis, rentiert sich jedoch in Form einer zukunftsweisenden Investition.
Und der Rest?
Die Idee der (Wieder-)verwertung alten bzw. überschüssigen Materials ist dabei nicht neu. Aus ausgedienten Fallschirmen entstehen Mode und Alltagsgegenstände, die preislich wie praktisch ernstzunehmende Alternativen zu Amazon & Billig-Co. darstellen. Upcycling ist also schon längst im Fallschirmsport angekommen. [9, 10] Das Ziel eines de facto klimaneutralen Sprungbetriebes rückt mit Projekten wie der ersten 208B Cessna Grand eCaravan zwar näher [11], erfordert seitens der Sprungplatzbetreiber*innen bislang noch die Eigeninitiative gesetzliche Mindestanforderungen nicht nur zu erfüllen, sondern sogar zu übertreffen. Erfreulicherweise existieren derartige Vorbilder bereits. [12, 13] Eine Möglichkeit könnte die flächendeckende Einführung des “Blauen Siegels Luftsports” bzw. dessen Weiterentwicklung mit dem “Sport-Audit Luftsport” der Kooperation des BfN (Bundesamt für Naturschutz) und des DAeC e.V. sein. [14] Was kann der/die Einzelne tun?
Für jede*n von uns gibt es darüber hinaus Möglichkeiten, dem anhaltenden Trend zunehmender Emissionen entgegenzusteuern. Dafür ist es nicht notwendig, zum Ausgleich einen Wald zu pflanzen. Wer das dennoch macht – Respekt! Aber einfache Mittel, um die allseits bekannte Ökobilanz zu verbessern, die sich möglicherweise sogar positiv auf das eigene Leben auswirken, lassen sich in fast allen Bereichen finden. Sei es die Fahrgemeinschaft zum Platz, statt der Bequemlichkeit halber einzeln im Halbstundentakt einzutrudeln, oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, welche einen bedeutenden Vorteil mit sich bringen: (fast) alle dürfen trinken.
Der Gebrauchtkauf sowohl von Skydiving-Equipment als auch von Dingen für den alltäglichen Gebrauch bietet darüber hinaus effektive Möglichkeiten, die eigene Ökobilanz zu verbessern. Insbesondere für Anfänger*innen wie auch für Springer*innen noch ohne feste Disziplin lohnt der Gebrauchtkauf – nicht nur ökologisch, sondern auch kommerziell im Hinblick auf Container-Größe und Downsizing-Optionen. Zumindest der Gebrauchtmarkt für Wingsuits floriert durch täglich neue Angebote. Häufig stechen die neuesten Modelle im Beschaffungsprozess ältere aus. Viele gehen davon aus, in einem Golf VIII automatisch zu besseren Fahrer*innen zu werden als in einem fünf Jahre älteren Golf VII. Gerade zu Beginn empfiehlt es sich allerdings in Sprünge und damit die eigene fliegerische Entwicklung zu investieren, anstatt in „Custom-Print-Design“ und „Latest Features“, die man ohnehin noch nicht zu nutzen weiß.
Wirft man einen Blick auf die Ernährung, wird die Reduzierung von Treibhausgasen wirklich greifbar. Nach Studien des Potsdam Instituts für Klimaforschung ist durch eine vegetarische Ernährung eine jährliche Einsparung von etwa 600 kg, bei veganer Ernährung sogar bis zu 1 Tonne Treibhausgase realistisch. [15] Damit ließen sich beispielsweise 50 bzw. 100 Sprünge pro Jahr kompensieren (Abb. 6).
Abb. 6: CO2-Emission nach Sprungzahl (C 208 B) in Relation
zur Ernährungsweise
Fazit
Unser ZERO Waste-Projekt stellt keinesfalls eine Pionierleistung dar, diesen Anspruch erheben wir auch gar nicht. Auch ist uns die Komplexität und Unüberschaubarkeit dieses Themas bewusst wie auch die hier verwendete Methodik wissenschaftlich präziser gestaltbar.
Dennoch sehen wir uns als Teil derer, die sich der Verantwortung aktiver Mitgestaltung einer umweltverträglicheren Version unseres Sports annehmen wollen. Dass nicht jede*r von uns diese Aspekte unseres Sports ständig vor Augen hat, ist verständlich. Unsere leistungsorientierte Prägung lässt neben den fast schon genetisch verankerten Dogmen “höher, weiter, besser” wenig Platz für Nachhaltigkeit. Effizienz wird in der Regel im wirtschaftlichen Sinne verstanden, gespart wird also allenfalls Geld. Energie ist billig, Arbeitskraft wird dahin verschoben, wo es möglichst wenig kostet, sofern sich Prozesse nicht automatisieren lassen.
Inwieweit wir uns diesem System unterordnen, kognitiver Dissonanzreduktion ergeben (z.B.: „Ich als Einzelne*r kann ja nichts bewegen, das muss die Politik machen!“) oder eine „Egal-Haltung“ dem gegenüber einnehmen ist uns persönlich überlassen. Die wenig perspektivreiche Auseinandersetzung zukünftiger Generationen mit diesem Thema werden wir zwar mitbekommen, die Erinnerung an unsere Handlungsmöglichkeiten wird dann aber sicher schon verblasst sein.
Letztendlich gilt: „Viel hilft viel“. Auch wenn der persönliche Anteil klein oder geradezu verschwindend erscheint, können und werden unsere gemeinsamen Beiträge in Summe so viel bewirken, dass es deren Aufwand rechtfertigt.

Daniel Leithold und Felix Selent

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