Anzeige

paratec-think-vertical

Einige von euch werden enttäuscht sein, in dieser Ausgabe auf Raphael und seine „still crispy“ Einhörner verzichten zu müssen, aber jeder braucht mal ein paar Tage Urlaub, und somit müsst ihr mit mir vorliebnehmen. Als kleinen Trost habe ich euch ein Foto von Rosi gemacht. Sie erbricht zwar keine Regenbogenstrahlen und knistert auch nicht wie ein ladenneuer „Spine-Breaker 72“, sie kann aber niedlich in die Kameralinse schauen, während sie im Weg liegt.
Ich möchte heute ein Thema aufgreifen, das keineswegs neu ist. Es ist auch nicht unbekannt. Zum Verständnis ist kein Studium höherer Mathematik notwendig. Das sind zunächst gute Grundlagen, um allen Springern Zugang zu den nachfolgenden Gedanken zu gewähren.
Sollte das Katzenbild noch nicht vollständig überzeugt haben weiterzulesen, dann vielleicht die Information, dass es um überlebensnotwendiges Grundlagenwissen geht, welches euch immer wieder abverlangt wird.
Leider zeigen sowohl meine aktuellen Beobachtungen als auch die jüngsten Auswertungen gemeldeter Vorkommnisse und Unfälle erhebliche Lücken im Bereich dieses Basiswissens – klassenübergreifend in Sprungzahl und Verweildauer im Sport.
Für mich ein Grund, an dieser Stelle noch einmal zu sensibilisieren, aufzuklären, zum Nachdenken anzuregen und vielleicht sogar ein paar Überlegungen weiterzugeben, die der Sicherheit unseres Sportes dienlich sind.
Was ist eigentlich so eine Entfaltungsbremse?
Mit dem Begriff Entfaltungsbremse ist jenes Zauberwerk gemeint, das man mühsam und zeitraubend nach jedem Sprung erneut zurechtbastelt, um es unmittelbar nach der Öffnung des Fallschirmes im Bruchteil einer Sekunde wieder verschwinden zu lassen. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn dahinter wagten einige noch gar nicht zu suchen. Andere gaben sich damit zufrieden, besagten Zaubertrick durch das Kopieren mehrerer mystischer Handbewegungen in ihre persönliche Aufführung „Fallschirmpacken“ zu implementieren.
Meine persönliche Recherche in der Fachliteratur war durch den Fund einer Passage in Alois Scherers Fachlexikon „Fallschirmsportspringer müssen – sollen – dürfen wissen“ aus dem Jahr 1988 mit Erfolg gekrönt.
Dort heißt es im Kapitel 3 – Ausrüstung und Technik, Abschnitt 3.3.3 – Die Entfaltungsbremse:
„Die Entfaltungsbremse (Vorbremse) verhindert, daß sofort nach dem Füllen des Tragflügels das schnelle Vorwärtsgleiten beginnt. Die Steuerleinen sind während der Entfaltung der Kappe etwa auf halbe Bremse gestellt und gesperrt. Sie sind zunächst nicht nutzbar. Bevor der Springer die Entfaltungsbremse löst, muß er unbedingt Umschau halten nach anderen Springern.“
Je mehr ich versucht habe zu begreifen, was wohl damit gemeint sei, begann ich mir die Frage zu stellen, ob diese „Entfaltungsbremse“ eventuell doch etwas viel Größeres und Bedeutenderes ist, als mir vielerorts auf den Packteppichen vorgegaukelt wird. Immerhin konnte ich Scherers These entnehmen, dass diese seltsame Entfaltungsbremse eine temporäre Festsetzung meiner Steuerung zur Folge hat. Bei dem Tauschgeschäft, das mir die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Flugrichtung meiner Kappe zurückgibt, bekomme ich entsprechend seiner Aussage unweigerlich auch den „Schwarzen-Kollisions-Potential-Peter“ zugeschoben. Ich verstehe jetzt das erste Mal die Mitsportler, die ich bei ihrer Aufführung „Fallschirmpacken“ beobachtet habe, die aus Furcht vor besagter „Entfaltungsbremse“ auf alles damit in Bezug stehende verzichtet haben und in Kauf genommen haben, einen Zweit- oder Drittsportler beim Falten der tief hängenden Gewebestruktur des Fallschirmhecks zu Rate zu ziehen – da die eigenen Arme hierfür ja sichtlich zu kurz waren.
Gerade wenn man die Komplexität dieses Vorbrems-Hokuspokus kritisch hinterfragt und feststellt, dass mitnichten jeder augenscheinlich gut vorbereitete Trick im Finale der unerklärlichen Spontanauflösung vorangegangener Knotenkunst endet, ist man eher ernüchtert. Nein, man tendiert sogar eher gegen den Gebrauch dieser Hexerei, wenn man schon mal die Schmach miterleben musste, die ein Hexer oder eine Hexerin erleiden musste, wenn die eigene Hand beim vermeintlich letzten Griff plötzlich Teil des Knotengewirres wurde oder wenn die Auflösung vorzeitig und ungewollt vonstatten gegangen ist. (In diesem Fall sind zumeist auch Trick-Utensilien wie Toggle-Laschen zur Befestigung, seltener aber auch Führungsringe für Steuerleinen, Steuerleinen selbst oder aber Freebags auf unerklärliche Weise verschollen.)
Ein Gedankenbruch – Weder der Platz einer Doppelseite noch der ausgereizte Redaktionsschluss dieser Ausgabe lassen weiteren Erguss in Form von Metaphern zu. Außerdem bin ich überzeugt, dass klare und verständliche Worte zu diesem Thema von Bedeutung sind!
Flächenfallschirme werden vorrangig vorgebremst, um die Vorwärtsfahrt während der Öffnung zu reduzieren. Einerseits wird durch die geminderte Horizontalgeschwindigkeit die Drehfreudigkeit des Profils herabgesetzt, was insbesondere dem Wunsch nach einer richtungstreuen, gleichmäßigen, zügigen und störungsfreien Öffnung geschuldet ist. Andererseits entsteht für uns ein Zeitfenster für Reaktionshandlungen, die spontane Erscheinungen notwendig machen. (Wie zum Beispiel die Erkenntnis beim Frontalanblick einer Fallschirmkappe im Großbildformat, dass weder mein Formationskumpel noch ich in der Lage waren, dem Wörtchen „Separation“ Inhalt zu verleihen.)
Die Vorbremsung ist essentieller Bestandteil eines Fallschirmsprunges. Sie entscheidet anteilig über Sieg oder Niederlage. Die Vorbremsung wird während der Sprungvorbereitung beim Packen des Fallschirmes gesetzt – also in einer sehr ruhigen Phase, die uns nicht zu folgenschweren Spontanhandlungen und deren unmittelbaren Konsequenzen drängt. Eine Phase, die es zulässt, vorab die korrekte Vorgehensweise im Handbuch des Gurtzeugherstellers zu studieren oder alternativ Raphael anzurufen. (Im Notfall könnt ihr auch andere Warte oder Techniker zu Rate ziehen – aber nur im Notfall!) Weiterhin bleibt die Zeit für einen kritischen Blick auf euer Werk und eine Plausibilitätsbewertung. Die aus falscher Vorbremsung resultierende Vielfältigkeit von Problemen persönlich zu erproben, erscheint mir gewagt, verletzungsträchtig, völlig sinnfrei und vor allem unnötig. Das Ausmaß mangelnder Vorbereitung im Blick auf eine korrekte Vorbremsung hat die Bandbreite von kleinsten Unregelmäßigkeiten, die völlig unbemerkt bleiben, über selbst verschuldete Materialzerstörung bis hin zu tödlichen Unfällen mit mehreren Beteiligten.
Das mögliche Fehlerausmaß schultert uns die Verantwortung für eine korrekt ausgeführte Vorbremsung. Wie eingangs erwähnt – es ist keine höhere Mathematik! Sowohl die Überheblichkeit mangels menschlicher Größe, nach fachlichem Rat zu fragen, als auch die arrogante Gleichgültigkeit, eine solide Vorbereitung unter den Tisch fallen zu lassen, sind inakzeptabel. Jeder, der meint, seine Überlängen nicht verstauen zu müssen, oder keine Ahnung hat, ob er seine Steuerleine über oder unter dem Führungsring fixieren muss, ist eine potentielle Gefahr im Luftraum.
Deshalb rate ich:
Prüft euer Wissen und holt bei Bedarf auf, was euch an Basiswissen fehlt! Vor dem nächsten Sprung!
Überprüft das, was ihr macht, auf Plausibilität – am besten mehrfach! Jedes Mal, wenn ihr es macht! (Viele Gurtzeuge lassen im Zweifelsfall sogar im gepackten Zustand einen Blick auf die Tragegurte zur Kontrolle der korrekten Vorbremsung zu. Spätestens bei eurem Gear-Check, den ihr ja ohnehin vor jedem einzelnen Sprung macht, müsst ihr euch sicher sein, dass eure Vorbremsung und der Rest der Ausrüstung fehlerfrei sind.)
Werft in freien Momenten ein Auge nach links und rechts nach möglichen Unregelmäßigkeiten. Womöglich gibt es jemanden, der durch euren Hinweis vor misslicher Lage bewahrt wird.
Habt keine Angst euch Gehör zu verschaffen! Es kommunizieren zwei Menschen miteinander, nicht zwei unterschiedliche Sprungzahlen. Fühlt euch gern von beratungsresistenten und überheblichen Menschen, die es aus Überzeugung falsch machen, persönlich angegriffen – denn sie greifen euch an – bei jedem Sprung – sie wissen es nur meist nicht.
All die Dinge, die von Bedeutung sind, muss ich kennen, ergründen und verstehen. Ein stupides Duplizieren von unverständlichen Handlungen mit der Erwartungshaltung eines konkreten Zieles wird in den überwiegenden Fällen durch vermeintlich unerklärliche Endergebnisse überraschen.
Jeder, der sich folgende Fragen während der Vorbetrachtung stellt, scheint aus meiner Sicht in nahezu allen Bereichen die günstigste Ausgangslage mit Sicht auf Erfolg zu haben:
„Was ist´s? – Was macht´s? – Warum macht´s das? – Was trage ich dazu bei, dass es das macht? –
Was macht´s, wenn ich etwas anderes dazu beitrage? – Wie funktioniert´s?“ – …?“
Ich bin der Meinung, dass man als Fallschirmspringer durchaus den Anspruch haben darf, essentielle Funktionszusammenhänge zu verstehen, insbesondere wenn Verständnis für gewisse Dinge und deren Zusammenhänge sicherheitsrelevant sind.
Selbstredend sollte genau diese Herangehensweise auch in jedem Springer ruhen, der in irgendeiner Form Wissen in Lehrgesprächen weitergibt. Vielmehr sollte solch ein Multiplikator auch übergeordnet in der Lage sein, diese Form der Ergründung weiterzugeben. Manch einer wird erstaunt sein, wie wahnsinnig viele Fragen man sich selbst durch etwas Hirnaktivität beantworten kann, wie man die selbst gefundenen Antworten hinterfragen und auf Plausibilität prüfen kann, und wie wenig Fragen übrig bleiben, die durch Fremdwissen ergänzt werden müssen.
Vielleicht erkennt der ein oder andere aus diesen Zeilen die Parallelen zu der Notwendigkeit einer Auffrischung unserer praktischen und theoretischen Fähigkeiten im Fallschirmsport nach langer Pause. Vielleicht ordnet jetzt der ein oder andere den Bereich der Technik auch genau dieser Notwendigkeit zu. Wenn es dann noch aufmerksame Leser mit Kombinationsfähigkeit gibt, die sich fragen, ob diese unendlich lange Corona-Pause nicht genau so ein Anlass für diese Notwendigkeit ist – dann bin ich überglücklich!
Explizite Fallbeispiele falsch ausgeführter Vorbremsungen inklusive Erklärungen hierzu findet ihr in der nächsten Ausgabe.

Benjamin Ring, Fallschirmtechniker

Kategorien

Anzeige