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„Man beißt nicht die Hand, welche einen füttert“?

In der März 2020 Ausgabe des Freifall Xpress hat Jacky bereits auf das Thema Sicherheit hingewiesen. Nun möchte ich ein wenig daran anknüpfen – einmal aus der Sicht eines (externen) AFF-Lehrers.

Zum kleinen Verständnis: ich bin seit 2019 AFF-Lehrer, zusammen mit Jacky habe ich meine Berechtigung erflogen und seitdem den einen oder anderen Sprung gemacht, an unterschiedlichen Plätzen und Maschinen.

Was man aber auch feststellt: die Ausbildung ist an den Plätzen, welche ich besuchen durfte, im Grunde ähnlich und doch sehr unterschiedlich gehandhabt. Es gibt Plätze, da ist es normal, mit dem Schüler in den Tunnel zu gehen, bevor er seinen ersten Sprung macht, wie auch Plätze, da wird nach zwei Tagen Theorie erst mit der Praxis angefangen.

Ich wurde 2015 von meinem Ausbilder zum konventionellen Lehrer ausgebildet mit dem Hintergrund, seine Tochter auszubilden, mit ihr in die Luft zu gehen und sie sicher zu Boden zu führen – Terminologie war das Eine und jedes „Ding“ hat einen Namen – hier nutze ich mal „Ding“ für: Sicherheit.

Sicherheit ist ein Thema. Als Lehrer müssen wir in der Lage sein, die Gurtzeuge unserer Schüler ordnungsgemäß zu packen, zu checken und für den nächsten Sprung auch wirklich sprungbereit zu haben. Beim Verlassen der Halle hat der Schüler gecheckt zu werden, vor dem Betreten des Flugzeuges ein weiteres Mal, so dass der Schüler mit zwei Checks erst in die Maschine darf. Ein Vier-Augen-Prinzip kann dabei helfen, zwei Lehrer sehen mehr als nur ein Lehrer.

Während meiner Ausbildung zum AFF Lehrer hatte ich es auch mit einem Fallschirm-Techniker zu tun – die Sorte Menschen, die auch quer ab etwas nähen dürfen, am Gurtzeug etwas verändern dürfen und in ihrer Verantwortung stehen und dafür unterschreiben, dass mit dem Gurtzeug oder den Komponenten „Dinge“ getan wurden, welche danach auch sicher und ordnungsgemäß nutzbar sind ohne Gefahr für Leib und Leben. Und er wies auch zu Recht darauf hin, dass ein nicht sauberes Einhalten dieser Regeln ein Sicherheitsrisiko sei und damit der Sprung an sich mit 0,0 Punkten bewertet würde. Sicherheit geht vor in unserem Job.

Im letzten Jahr und auch in diesem Jahr habe ich also Schüler mit unterschiedlichen Gurtzeugen springen sehen, teilweise auch: ich bin mit ihnen gesprungen. Ich hatte Spaß, der Schüler auch. Das Problem dabei ist – die Gurtzeuge sind irgendwie alle gleich: Container, AAD Tasche, RSL, Gurtwerk etc., um nur ein paar Begriffe aufzuzählen. Das war es dann auch in etwa. Und der Hersteller des Gurtzeugs schreibt vor, wie mit dem Gurtzeug umgegangen werden muss – Packanleitungen und -anweisungen inkl., welche man eventuell mit „Best Practises“ verfeinern kann. Jedoch auch: verschlimmern kann – eine davon treffe ich immer wieder: die Reserve Static Line, kurz: RSL.

Der Hersteller eines Gurtzeuges schreibt vor, wie die RSL zu verstauen ist. Sich nicht daran zu halten kann gut gehen und wird vielleicht auch gut gehen – nur, möchte ich das Risiko eingehen?

Ich habe zwischen den Sprüngen immer wieder beobachtet, wie Überlängen einer RSL rausschauten, irgendwo zwischen dem Drei-Ring-System verstaut wurden oder gar – einfach gar nicht verstaut wurden. Der zuständige Rigger am Platz – also Fallschirmtechniker (nicht: Fallschirmwart!) – erklärt es für gut – „Bassd scho …“ oder: „et is noch immer jut jejangen“ hört man dann auch – oder auch: „ist ok“. Nein, ist es nicht.

Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die neueren Systeme besser ausgestattet und für das Packen auch freundlicher gestaltet – Klett (oder auch: Velcro) erleichtert das Verstauen ungemein. Dann gibt es auch den Typ RSL, welcher für seine Überlängenverstauung in Form von kleinen Taschen unterhalb der Tragegurte hat – das Verstauen dieser RSL Überlänge ist nicht mal eben so getan. Das kostet: Zeit. Eine halbe Minute vielleicht – wobei: je später man es in seiner Packroutine mit einfließen lässt, umso länger braucht es im Nachhinein.

Beispiel: Rigging Innovation Telesis 2

Im Manual heißt es: „Insert stiffened end of RSL lanyard into sleeve which protrudes from inside upper corner of 3-Ring cover. Loose end of RSL lanyard with snap shackle faces forward“.

Wie ist die RSL nun zu verstauen? Dank @Raphael Schlegel habe ich das passende Bild erhalten:  

Der Pfeil an sich ist hier fehl am Platz, aber die RSL Verstauung darüber, also den Verlauf, den sieht man. Ein Abweichen davon kann – ich zitiere einmal „INCORRECT RSL ROUTING CAN RESULT IN POTENTIALLY FATAL CONSEQUENCES!“ Ich würde damit die Tochter meines Lehrerausbilders potenziell umbringen. Oder meinen eigenen Sohn, welchen ich eventuell irgendwann einmal ausbilde.

Gerade der versteifte Teil der RSL kann sich in diesem Beispiel durchaus in dem Trennvorgang des Drei Ring Systems als störend erweisen – eine Verzögerung, die man bei einer Reserveaktivierung garantiert nicht brauchen kann und will und auch: nicht möchte. Oder Stichwort Wasserlandung: die RSL ist zu lösen – was, wenn der Schüler irgendwas greift, nur nicht hinschaut und nicht das Fähnchen (welches übrigens IMMER in Richtung des Springers zeigen sollte) findet und zieht, sondern die Überlänge – auch nicht gerade das ideale Szenario.

An dieser Stelle: ich möchte keinen Platzbetreiber irgendwo auf der Welt oder hier in Deutschland irgendwie an die Wand stellen. Ich bin auch nicht frei von Fehlern – im Gegenteil. Ich darf AFF springen und diese Menschen erlauben es mir dann auch, mit Schülern in die Luft zu gehen – oder auch nicht. Die Welt ist nicht nur weiß oder schwarz, sondern hat durchaus einige Schattierungen davon.

Als externer AFF-Lehrer muss ich immer aufpassen, wo ich wem was sage – es gibt da ein Sprichwort – „Man beißt nicht die Hand, welche einen füttert“ – jedoch auch: es geht um meinen Hintern. Und den meines Schülers. Und eventuell um den meines AFF-Partners gegenüber. Das Organigramm am Platz ist vielfältig und sollte es zu einem Fehler kommen, nun: mündliche Aussagen sind rechtlich nicht bindend, dann stehe ich wieder in der Schusslinie.

Christian Kielhorn

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