Anzeige

Ich kann mir vorstellen, dass paranoid kein Wort ist, das man mit jemandem in Verbindung bringen muss, der bereit und gewillt ist, aus einem funktionierenden Flugzeug in einer Höhe von 13 000 Fuß aus dem Flugzeug zu springen. Es ist ein Wort, das normalerweise mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der sich intensiv dagegen wehrt, seine Komfortzone zu verlassen, oder Angst davor hat, Risiken einzugehen. Bei vielen Menschen erzeugt es ein enormes Verlangen, Nein zu sagen!

Im Gegensatz zu diesem Glauben bin ich jedoch der Meinung, dass eine paranoide Denkweise vielleicht gerade der entscheidende Faktor zwischen Scheitern und Erfolg, ja sogar zwischen Leben oder Sterben sein kann. Ich habe erlebt, wie Paranoia als Treibstoff benutzt wurde, um die Fähigkeit zu fördern, die Kontrolle über eine Situation zu behalten und letztlich als Ergebnis hatte, sicher zu bleiben.

Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich 11 Jahre lang in der britischen Armee gedient. Während dieser Zeit war ich in Afghanistan und Bosnien im Einsatz und habe an vielen Langzeitübungen und Operationen im Ausland teilgenommen. Ich schätze mich selbst als äußerst glücklich und privilegiert ein, dass ich während dieser Zeit die Gelegenheit hatte, von britischen und ausländischen Mitgliedern der Spezialeinheiten und des Unterstützungsteams der Spezialeinheiten ausgebildet zu werden und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Was mir während der Ausbildung und bei Einsätzen auffiel war, dass die Jungs der Special Forces eine bestimmte Fähigkeit besaßen, die wir als konventionelle Streitkräfte anscheinend nicht vollständig erfassen konnten. Eine Bereitschaft, eine Bereitwilligkeit, ein Gefühl der Bodenhaftung, dass sie, egal wie schlimm eine Situation eskalierte, einen extrem kühlen Kopf unter immensem Druck behalten konnten.

Eines Abends saß ich mit einem von ihnen zusammen und fragte ihn, was sie bei ihrem Auswahlkurs gelernt haben. Was das Besondere ist, dass sie mit auf den Weg bekommen, wenn es darum geht, mit Risiken umzugehen und auf Risiken vorbereitet zu sein. Er erzählte mir, dass die Ausbilder ihnen während ihres Auswahlkurses beibringen, sich nicht darauf vorzubereiten, dass ein Plan wie beabsichtigt durchgeführt wird, sondern zu erwarten, dass der Plan auseinanderfällt, wenn man es am wenigsten erwartet, und dass sie die Einstellung haben, dass, wenn es schiefgehen kann, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es schiefgehen wird. Auf diese Weise sind sie immer auf alle Eventualitäten vorbereitet. Er nannte es eine „paranoide Denkweise“, und wie andere negative Emotionen kann sie genutzt, kanalisiert und zum Nutzen und nicht nur zum Hindernis eingesetzt werden. Natürlich gibt es einen drastischen Unterschied zwischen dem Kampf gegen die Taliban in der Provinz Helmand und dem Kampf gegen ein Gefühl der Angst oder etwas, das im freien Fall oder während der Schirmfahrt schiefläuft – doch das Ergebnis könnte, wenn man nicht vollständig vorbereitet ist, letztlich dasselbe sein.

Wir sehen jeden Tag, wie an jeder Dropzone auf der ganzen Welt Fehler gemacht werden. Fehler, die vermieden werden könnten, wenn die Person oder die Gruppe nur einen Moment innehalten würde, um gründlich über die bestehenden Risiken nachzudenken und über die Maßnahmen, die sie ergreifen muss, um sich selbst die beste Gelegenheit für einen sicheren und angenehmen Fallschirmsprung zu geben.

Ein Plan B sollte immer im Kopf jedes Fallschirmspringers vorhanden sein, wenn auch nur im Unterbewusstsein. Bevor wir in den Flieger einsteigen, gehen wir unser Notfallprozedere durch, unseren Plan B, der in Stein gemeißelt ist. Wir sind uns bewusst, dass wir eine Fehlöffnung haben könnten, unabhän
gig davon, wie gut unser letzter Packjob war. Wir vertrauen darauf, dass unsere Rigger und Reservepacker gute Arbeit leisten, und wir stellen ihre Arbeit nicht in Frage. Warum sollten wir uns nicht die gleiche Verantwortung übertragen, wenn es um andere potenzielle Gefahren geht?
Fallschirmspringerlegende und Motivationsredner Dan BC sagt: „Es gibt keine sicheren Fallschirmspringer, nur sichere Fallschirmsprünge.“ Einfach ausgedrückt: Niemand ist perfekt, wir alle machen irgendwann Fehler, aber ein wenig Vorausdenken, Planung und Vorbereitung könnten das Risiko eines Unfalls massiv verringern.

Die meisten von euch werden mir zustimmen, dass Fallschirmspringen der unterhaltsamste, verrückteste Sport ist, den es gibt. Und es gibt nichts Besseres, als nach dem Sunset-Load mit Freunden zu landen, ein Bier zu trinken und darüber zu reden, wie toll der Tag war. Ich kann mir auch vorstellen, dass ihr mir zustimmt, dass es nichts Schlimmeres gibt, als dass sich einer unserer Freunde verletzt oder verunglückt.

Wir können alle zusammenarbeiten, damit das Risiko auf ein absolutes Minimum reduziert wird. Plant, dass das Schlimmste passieren könnte, und setzt Verfahren ein, um das Risiko so weit wie möglich zu reduzieren. Macht einen Plan B und sogar einen Plan C für alle Situationen. Achtet aufeinander, auch wenn ihr nicht in der gleichen Gruppe zusammen springt, kontrolliert euch selbst, eure Ausrüstung und kontrolliert die anderen Springer. Rechnet oder erwartet, dass es ein unvorhergesehenes Problem gibt, auch wenn es keines gibt. So behaltet ihr jederzeit ein sicheres Bewusstseinsniveau und seid auf eine Situation vorbereitet, bevor diese überhaupt eintritt.

Stay safe and blue skies Andy Couling

Kategorien

Anzeige