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Wie weit weichen wir von unseren Sicherheits-Routinen ab, ohne es überhaupt zu merken?

Ich sitze in einem Fernbus und fahre von Bielefeld nach Hamburg. Mit mir noch etwa zehn weitere Fahrgäste. Fast wie in einem Absetzflugzeug. Der Bus steht noch, ich habe es mir gemütlich gemacht: Kaffee, Laptop, iPhone, AirPods. Es geht los. Jeder Sitz hat Sicherheitsgurte und der Busfahrer ist angeschnallt. Vorne leuchten große, rote Anschnallhinweise auf, aber keiner der Passagiere schnallt sich an. Ich greife nach dem Gurt, lasse ihn wieder fallen, lehne mich zurück. Dann kommt mir der Gedanke: „Im eigenen Auto würdest du dich auch anschnallen. Also warum nicht hier? Und warum schnallt sich sonst keiner an?” Mir fällt auch die immer wiederkehrende Diskussion um das Anschnallen im Absetzflugzeug ein. Dabei steht es doch im Ausbildungshandbuch des DFV und ist Bestandteil unserer Ausbildung. Aus Gründen! Also greife ich wieder zum Gurt und schnalle mich an. Es gibt schließlich keinen Grund, von einer bewährten Sicherheits-Routine abzuweichen, nur weil ich diesen Bus nicht selbst fahre. Da kommt mir ein Artikel in den Sinn, den ich zu diesem Thema einmal gelesen habe:

Normalisierung der Abweichung bei der NASA

Am 28. Januar 1986 verunglückte die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start und tötete die sieben Astronauten an Bord. Die untersuchende Soziologin Professor Diane Vaughan prägte in ihrem Buch „The Challenger Launch Decision“ den Begriff „Normalisierung der Abweichung“. Dabei wurde dieses Phänomen als Grundursache für die Tragödie identifiziert. Diane Vaughan definierte es so:

Normalisierung der Abweichung (NdA):

„Der schrittweise Prozess, durch den inakzeptable Praktiken oder Standards akzeptiert werden. Da sich das abweichende Verhalten ohne katastrophale Folgen wiederholt, wird es zur sozialen Norm.“

Im Falle der Challenger-Katastrophe war ein Problem mit dem Kitt in den O-Ringen der Feststoffraketen-Booster (FrB) bekannt. Während des Starts konnten Gase aus dem FrB durch Blasen im Kitt strömen und den O-Ring verbrennen. Die NASA fuhr fort, Missionen zu fliegen, ohne dass etwas passierte. So wurde Schritt für Schritt die Annahme akzeptiert, dass es nicht erforderlich sei, das Problem zu beheben. Die Abweichung wurde zur Norm. Während des Challenger-Starts dann brannten sich die Gase durch die O-Ringe und entzündeten so den Haupt-Brennstofftank, was letztendlich zum Absturz führte.

NdA im Alltag

Aus irgendeinem Grund weichen wir von der Sicherheits-Routine ab, obwohl wir wissen, dass es gefährlich ist: Wir schreiben WhatsApp-Nachrichten oder telefonieren während der Fahrt, wir gehen mit Kopfhörern auf oder in den Ohren durch die Stadt oder fahren mit einem Fahrrad ohne Licht. Nichts Schlimmes passiert, also tun wir es wieder. Beim dritten, vierten oder fünften Mal ist die Abweichung zur Norm geworden, zum neuen Modus Operandi, zur gängigen Praxis.

Wir merken nicht einmal, dass sich unser eigener Sicherheitsanspruch verändert hat. Die Gefahr ist dadurch jedoch kein bisschen geringer geworden.

NdA beim Fallschirmspringen

Auch beim Fallschirmspringen kommt es sehr leicht zur NdA. Wir alle lernen gängige, bewährte und sichere Praktiken, wenn wir mit diesem wundervollen Sport beginnen. In der Groundschool dreht es sich zu gefühlt 80% um „Verhalten in besonderen Fällen“. Doch wir setzen schon kurze Zeit später unsere Sicherheit aufs Spiel, indem wir von den bewährten Routinen abweichen. Schnell werden „Abkürzungen genommen”, erlernte Routinen ignoriert oder verändert. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie die Ausreden. Viel zu oft ist jedoch das, was am Ende zur Tragödie führt, einfach nur Bequemlichkeit, simple Selbstüberschätzung oder das Unvermögen, sich über den Druck, der durch andere ausgeübt wird, hinwegzusetzen.

Grünes Licht

Es gibt gute Gründe, vor dem Exit einen Blick nach unten zu werfen. Das haben wir alle gelernt.

An einem sonnigen Tag springst du an deiner Heimat-Dropzone, wo dir alles sehr vertraut ist. Du bist in der ersten Gruppe, das grüne Licht geht an und ihr verlasst das Flugzeug, ohne nach unten zu schauen. Der Spot ist perfekt und der Sprung ereignislos. Nach nur wenigen weiteren solcher Sprünge denkst du nicht einmal mehr daran, aus der Tür zu schauen; die Spots des Piloten waren schließlich durchweg hervorragend.

Doch was passiert, wenn sich eines Tages ein anderes Flugzeug direkt unter dir befindet oder ein schlechter Spot dich und deine Gruppe in Gefahr bringt?

Wenn du an einer fremden Dropzone, in die Nähe des Meeres oder eines großen Waldes springen würdest, dann würdest du doch ganz sicher noch mal aus der Tür schauen. Oder etwa nicht?!

Gefährliche Situationen können in unserem Sport, wie auch im Alltag, jederzeit auftreten. Und in der Regel passiert das genau dann, wenn wir es am wenigsten erwarten.

Die Abweichung von etablierten Sicherheits-Routinen erhöht die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass solche Ereignisse dann auch zu Unfällen führen.

Ertappt?!

Beispiele gibt es viele … Erkennst du dich in einem oder gar mehreren wieder?

Beispiel 1: Du hast deine Sprungvorbereitung vernachlässigt

  • Kleine Nachlässigkeiten beim Gearcheck und der Sprungvorbereitung werden schnell zur Gewohnheit:
  • Pin nicht gecheckt
  • CYPRES Display nicht kontrolliert
  • Wind und Landerichtung nicht gecheckt
  • Exit-Reihenfolge und -Abstand nicht erfragt

Das Internet ist übersät mit Vorfällen, die durch eine einfache Ausrüstungskontrolle hätten verhindert werden können.

Tipp: Mach dir eine kleine Checkliste, laminiere sie ein und lege sie in deine Helmtasche. Wenn du diese immer in derselben Reihenfolge abarbeitest, gehen diese Schritte bald in Fleisch und Blut über und können kaum noch vergessen werden.

Beispiel 2: Du springst, obwohl du „nicht sprungtüchtig“ bist?

Du fühlst dich krank oder die Party war lang und der Alkoholpegel hoch. Trotzdem sitzt du in Load eins, obwohl du weißt, dass du eigentlich nicht springen solltest.

Als Luftsportgeräteführer gilt für uns die 0,0 Promille-Grenze. Selbstverständlich dürfen wir auch nicht unter dem Einfluss anderer Drogen oder bestimmter Medikamente ins Flugzeug steigen. Sogar Tandemgäste müssen komplett nüchtern sein, sonst dürfen sie nicht springen.

Tipp: Einfach mal am Boden bleiben. Es hat noch selten jemand einen schweren Unfall erlitten oder verursacht, der zuerst ausgeschlafen, sich dann mit einem Kaffee oder Tee an den Rand der Landewiese gesetzt und erst einmal in Ruhe ausgenüchtert hat.

Beispiel 3: Du vernachlässigst deine Notprozedur-Praxis oder bist nicht in Übung?

Wenn du deine Notprozedur nicht regelmäßig übst, dich der Safety-Day nicht interessiert, du dich nicht mit neuer Ausrüstung vertraut gemacht hast oder einfach viel zu selten springst, dann normalisiert sich für dich das Fehlen von Praxis. Im Ausbildungshandbuch heißt es dazu so schön:

“Die Lizenz wird zeitlich unbefristet ausgestellt, ist aber nur bei ausreichendem ‚In-Übung-Sein‘

für eigenverantwortliches Springen gültig.”

Laut USPA waren in den USA die häufigste Ursache für die Todesfälle im Jahr 2017 falsche oder fehlende Notprozeduren. Im „Parachutist“ ist im April 2018 ein interessanter Artikel dazu erschienen.

Aber auch wenn man auf den Seiten des DFV die Unfallberichte aus Deutschland liest, kann man Rückschlüsse auf die NdA in unterschiedlichen Formen ziehen.

Was ich damit sagen will, …

Wenn wir viele Jahre sicher springen wollen, müssen wir die dafür erforderliche Disziplin im Alltag aufbringen. Natürlich werden auch weiterhin Unfälle passieren. Aber wir dürfen uns nicht einfach damit abfinden, dass NdA unvermeidlich ist, sondern uns bewusst für “Safety first” entscheiden. Ein großer Schritt wäre schon getan, wenn wir alle – auch die Skygötter und die Unsterblichen unter uns – dazu bereit wären, auch aus den Fehlern anderer zu lernen!

Man muss nicht jeden Fehler selbst machen. Informiere dich, bilde dich weiter und höre niemals auf, dein eigenes Verhalten und auch das deiner Mitspringer kritisch zu hinterfragen.

What can possibly go wrong?
Deine Meinung ist gefragt!

„Ein Fehler passiert nie allein“

Diese und andere Phrasen hören wir ständig. Weil sie wahr sind. Abweichung von der bewährten Norm kann zu einer Verkettung von unglücklichen Umständen führen, die letztendlich in einer vermeidbaren Tragödie enden:

Lisa (*Name von der Redaktion geändert, alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig) hat Ende Oktober, kurz vor Ende der Saison, ihre Lizenz bestanden. In der Sprungschule gab es immer dasselbe Absetzflugzeug, vertraute Gurtzeuge, die eine Kombi, die ihr gut gepasst hat, keine Handschuhe, offene Helme, Sprungbrillen und analoge Höhenmesser. Daran ist sie gewöhnt, damit kennt sie sich aus.

Während ihrer Ausbildung hat sie sich nun mit neuer, eigener Ausrüstung eingedeckt: Sie hat ein eigenes Rig mit niegelnagelneuem Schirm, natürlich eine oder zwei Nummern kleiner als der Schülerschirm in der Sprungschule. Außerdem hat sie sich einen akustischen Höhenwarner (Dytter), einen digitalen Höhenmesser, eine maßgeschneiderte Kombi, hübsche, wärmende Handschuhe, eine coole, polarisierte Sonnenbrille und natürlich einen Vollvisier-Helm gekauft.

An einem kalten, sonnigen Novembertag – nach Saisonende an ihrer Heimat-Dropzone – fährt sie zum PINK-Boogie in ihrer Nähe. Lisa ist noch nie aus diesem Flugzeug gesprungen und sehr aufgeregt. Das neue Gurtzeug sitzt stramm, weil sie unter der maßgeschneiderten Kombi Skiunterwäsche trägt. Die Handschuhe sind bei Minus 25 Grad auf 4000m bestimmt eine gute Idee und der Vollvisier-Helm soll ihr Gesicht vor der ungewohnten Kälte schützen. Die Sonnenbrille darf natürlich nicht fehlen, denn die Herbstsonne steht tief und blendet sehr.

Was kann passieren? Welche Verkettung unglücklicher Umstände könnte hier auftreten, und wozu könnte das führen?

Nehmt euch einen kleinen Moment um darüber nachzudenken und tauscht euch gerne zum Saisonstart untereinander aus.

Jacqueline „Jacky“ Gasché

Mehr von Jacky findet ihr auch auf ihrer Website: https://www.fssig.net/

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