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oder eine weitere kleine Einführung in die Ethik im DFV e.V.

Beim Gedanken an eine Gouvernante taucht vor dem geistigen Auge in den meisten Fällen wohl das Schreckensbild vom strengen, verbitterten, alten, aber trotzdem jungfräulichen Kindermädchen auf, das man nur noch aus Romanen oder Filmen kennt. In glücklichen Fällen denkt dabei vielleicht auch jemand an Marry Poppins, die mit ihrem Regenschirm und ihren Flugkünsten sogar etwas besser zum DFV e.V. passen würde. Die Gouvernante und die Governance können auch schwerlich ihre gemeinsame sprachliche Herkunft verbergen, beides leitet sich aus dem lateinischen Wort gubernare ab, was so viel wie „das Steuerruder führen“ oder „lenken, leiten, regieren“ heißt. Wenn jetzt noch das Wort Ethik hinzukommt, bei dem viele Menschen nur an gutes Benehmen denken und wie sie als Kind dafür getadelt worden sind, nicht pünktlich und hinter den Ohren gewaschen am Esstisch zu erscheinen, dann könnte das Trugbild entstehen, die Good Governance Beauftragte sei das neue Kindermädchen des DFV e.V. – und zwar eines, das nur für schlechte Sitten tadelt.

Ethik ist jedoch ein sehr weiter Begriff. Für die Ethik und Good Governance im DFV e.V. wird zukünftig hauptsächlich eine humanistische Ethik aus der Tradition der Aufklärung herangezogen, und das bedeutet das Gegenteil von bravem Gehorsam, weil die Ethik hier vor allem selbstständiges Denken einfordert. Das sagt einem noch nicht viel. Deshalb blicken wir noch weiter auf den Anfang der philosophischen Ethik mit Aristoteles zurück: Dieser hat die praktische Philosophie eingeteilt in die Ethik und in die Politik. Die Ethik beschäftigt sich bei Aristoteles mit der Frage, was für ein Individuum Glück oder ein gutes Leben bedeutet und wie das Individuum demnach sein Leben gestalten soll, um dauerhaft glücklich sein zu können. Die Politik beschäftigt sich dann mit dem Glück einer Gemeinschaft und wie dieses am besten zu sichern ist. Dieses grundsätzliche Verhältnis kann auch auf das Verhältnis von Ethik und Good Governance im DFV e.V. übertragen werden.

Für alle Skeptiker der Kindermädchen kommt hier noch eine kleine Anekdote am Rande: Aristoteles war ebenfalls eine Zeit lang der Erzieher – also tatsächlich so etwas wie die Gouvernante – von Alexander dem Großen, einem der mächtigsten Herrscher aller Zeiten. Alexander war zwar später weniger moralisch in seinem Handeln, aber man weiß trotzdem seit dieser Zeit, dass einer erfolgreichen politischen Laufbahn die Philosophie nicht zwangsläufig im Wege stehen muss. Der Legende nach blieb Alexander überdies seinem Lehrer auch sein (kurzes) Leben lang freundschaftlich verbunden. Ethische Fragen haben im DFV e.V. zukünftig den Einzelnen im Blick, während Good Governance die übergeordnete, politische Ebene – also die Verbandsarbeit – behandelt. In der Verbandsarbeit müssen somit auch die Voraussetzungen geschaffen werden, damit der Einzelne ethisch leben kann. Ethisch leben heißt, zu lernen, die Verantwortung für sein eigenes Leben und Handeln zu übernehmen und selbstbewusste Entscheidungen darüber zu treffen, was richtig oder falsch ist. Die Kunst der Ethik wird aber erst dann vollbracht, wenn man mit diesen Entscheidungen die Freiheit und das Wohlbefinden der anderen Menschen nicht verletzt. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hat drei Dinge im Blick: das eigene Selbst, den anderen und die Beziehung, die zwischen ihnen steht.

In Fragen der Moral gibt es, nach dem Philosophen Immanuel Kant, für den Menschen keine höhere Autorität als die eigene Vernunft. Kant wird leider meist als überstrenger Moralapostel verkannt, dabei war sein eigentliches Anliegen, mit seiner Moraltheorie die Freiheit des Menschen zu beweisen. In Sachen Moral ist für ihn jeder Mensch sein eigener Herr und muss nur seine Vernunft befragen, kein anderer Mensch und keine Institution hat ihm in dieser Hinsicht etwas zu sagen. Das ist der Grundgedanke der Aufklärung und dieser Gedanke bestimmt auch die Ethik und Good Governance im DFV e.V. – die Verbandsführung und jeder Einzelne müssen für sich selbst eigene Entscheidungen treffen und diese verantworten (lernen).

Die Frage, die der Mensch dafür an seine Vernunft stellen muss, ist einfach: Was wäre, wenn alle Menschen, so handeln würden wie ich? Wirklich einfach ist diese Frage natürlich nicht zu beantworten, weshalb manchmal ein Kindermädchen nicht schaden kann, das eine andere Perspektive auf die Fragen bieten kann. Es zeigt auch, dass die einfachsten Fragen oft am schwierigsten zu beantworten sind. Niemand kann in die Zukunft blicken und die Folgen aller seiner Handlungen vorhersehen. Ein erster Schritt besteht aber darin, den Willen zur Verantwortungsübernahme zu zeigen. Verantwortung ist ein Begriff, der immer wieder im Zusammenhang mit der Ethik fällt. Oft ist es jedoch schwer zu sagen, was damit eigentlich gemeint ist und so scheuen sich bestimmt viele auch vor der Verantwortungsübernahme. Ein Zitat vom Psychoanalytiker Erich Fromm hilft dabei, diesen Begriff und die Forderung nach Verantwortung aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und vielleicht besser zu verstehen:

„Verantwortungsgefühl ist keine Pflicht, die dem Menschen von außen aufgezwungen wird, sondern die Antwort auf etwas, von dem man fühlt, dass es einen angeht. Verantwortung und Antwort haben die gleiche Wurzel: Verantwortlich sein heißt, zum Antworten bereit sein.“¹

¹ Erich Fromm: Den Menschen verstehen. Psychoanalyse und Ethik. (Neuausgabe 2017) 2. Auflage, München 2018: dtv, S. 115.

Susanne Kuhnert, Good Governance Beauftragte DFV e.V.

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