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Es sind Abende in entspannter, geselliger oder auch lustiger Runde, die bleibende Erinnerungen schaffen. In diesem Fall ist allerdings nicht das gemeinsame Beisammensein am Lagerfeuer gemeint, es ist vielmehr der Beginn einer in Deutschland einzigartigen Veranstaltung.

Es war irgendwann im September 2018, als man sich am Flugplatz Tannheim spontan bei einem Glas – vielleicht auch zwei Gläsern – Rotwein zusammensetzte. Verena Dolderer, Betreiberin des Flugplatzes Tannheim erzählte im Laufe des Abends von der Möglichkeit, dass Rosinenbomber nach den Feierlichkeiten „70 Jahre Luftbrücke“ auf ihrem Rückflug von Berlin in die USA in Tannheim einen Zwischenstopp einlegen könnten. Schnell keimte die Idee eines Sprungevents der besonderen Art. Einige Tage und E-Mails später wurde aus einer fixen Idee der Start von konkreten Planungen. Der Flying Bones e.V. machte die Veranstaltungsidee im April publik und das Interesse war immens. Über 400 E-Mails und hundert feste Zusagen innerhalb weniger Tage gingen in kürzester Zeit bei den Flying Bones ein.

Erste Planungsgrößen wurden anhand von Flugzeitberechnungen, möglichen Umlaufzeiten etc. entwickelt. Dennoch blieben einige Punkte im Unklaren, da man auf die Zusage bzw. verbindliche Aussagen bezüglich der Ankunfts- und Abflugdaten, Ladekapazität, Kerosinverbrauch, Steigrate, Endurance etc. seitens der Crews warten musste. Allen Beteiligten wurde ebenfalls schnell bewusst, dass dieses außergewöhnliche Event einen immensen Planungsbedarf mit sich bringen würde und man auch einige Rahmenbedingungen im Vorfeld klären und behördliche Auflagen erfüllen bzw. Genehmigungen einholen musste. Relativ zügig stand jedoch fest: die Crew der C-47 „Placid Lassie“ hat großen Gefallen an der Idee des Zwischenstopps im Allgäu und des Sprungevents gefunden – und somit war der „Placid-Lassie-Boogie“ geboren.

Dennoch blieb die eigentliche Durchführung bis nahezu kurz vor Beginn der Veranstaltung vage. Die Hoffnung bei allen Beteiligten wuchs, als die „PLACID LASSIE“ mit ihren 14 weiteren historischen Weggefährten vom Typ Douglas DC-3 und DC-47 Anfang Juni den Weg über Kanada, Grönland, Island und Schottland bis in die Normandie gefunden hatte. Doch selbst zu diesem Zeitpunkt hatte man keine konkrete Vorstellung mit wie vielen Teilnehmern und vor allem Zuschauern man rechnen könnte. So wurden die Planungen mit einigem finanziellen Risiko weiter fortgesetzt.

Kurzzeitig stand auf einmal die gesamte Durchführung auf der Kippe. Zum 70-jährigen Jubiläum der Berliner Luftbrücke sollten rund 40 der heute noch funktionsfähigen „Rosinenbomber“ die Luftbrücke nachstellen, darunter auch die mit 77 Jahren älteste der Maschinen, die „Placid Lassie“. Fehlende Genehmigungen für die geplante Veranstaltung in Berlin-Schönhagen führten zur kurzfristigen Absage. Die Crews der etwa 20 Maschinen wollten in Erinnerung der fast 200.000 Flüge mit nahezu zwei Millionen Tonnen an Lebensmitteln, Medikamenten und Kohle kleine Fallschirme mit Süßigkeiten über Berlin-Tempelhof abwerfen und danach dort landen. Geplante Überflüge über das Brandenburger Tor und den Reichstag wurden ebenfalls nicht genehmigt.

Dies bewegte einige Crews der C-47 und DC-3, ihre Reiseplanungen umzuwerfen und früher die Heimreise über den großen Teich anzutreten. Dem unermüdlichen Engagement von Verena Dolderer und den Bemühungen und fortschreitenden Planungen des Flying Bones e.V. zu einem frühen Zeitpunkt ist die letztlich sehr erfolgreiche Durchführung zu verdanken. Planmäßig begeisterten die Rosinenbomber tausende von Zuschauern bei den Jubiläumsveranstaltungen in Wiesbaden-Erbenheim und beim Tag der Bundeswehr in Faßberg und so wuchs auch die Anspannung und Freude in Süddeutschland immer mehr. Ganz großer Dank gilt auch dem Allgäu Airport Memmingen, im Besonderen Julia Baumann und Geschäftsführer Ralf Schmid, die das Event durch ihre Unterstützung überhaupt erst ermöglichten, da man die C-47 nicht voll beladen von der Graspiste in Tannheim (EDMT) starten lassen konnte.

Planmäßig überflogen zwei von vier vorgesehenen C-47/DC-3 den Flugplatz Tannheim am Dienstag den 18.06.2019 und erzeugten durch den Klang der Sternmotoren Gänsehaut. Kurz darauf wurde die Placid Lassie u.a. mit dem Piloten Richard Osborne, einem Freund der Familie, auf dem Flugplatz Tannheim begrüßt. Nach der herzlichen Begrüßung folgte das Crew Briefing, und die letzten Maßnahmen für die Durchführung wurden abgeschlossen. Bereits jetzt war der Andrang immens hoch und der „Placid-Lassie-Boogie“ entwickelte sich zu einem Volksfest, was die Organisatoren und Helfer zwischenzeitlich an ihre Grenzen brachte.

Am frühen Morgen des Mittwochs versammelten sich die Springer aus ganz Deutschland und teils aus Europa mit bis zu 600 Kilometern Anreise. Gearcheck, Loadplanning, Einweisung in Ablauf und Landezone usw. konnten trotz riesigen Andrangs nach anfänglichen Startschwierigkeiten zügig und problemlos durchgeführt werden. Bereits um 09:00 verlegten die ersten Springer zum Allgäu Airport Memmingen, um dort die aus Tannheim gestartete C-47 zu besetzen. Unterdessen versammelten sich immer mehr Schaulustige und Flugbegeisterte am Flugplatz und auch viele weitere, teils historische Luftfahrzeuge fanden ihren Weg nach Tannheim.

Mit jedem Start trafen immer mehr Interessierte ein, insgesamt besuchten hunderte Zuschauer den Placid Lassie Boogie und informierten sich sowohl über den historischen Rosinenbomber und Weltkriegsveteran (u.a. Operation Neptune und Market Garden) als auch über den Fallschirmsport. So wurde Besuchern aller Altersklassen sowohl mit Informationen durch Moderation, zum anderen mit Packvorführungen und Erklärungen in Gesprächsrunden die „Springerei“ und das Mysterium „Stoff und Schnüre“ nähergebracht. Außerhalb der Sprungzeiten konnte außerdem die Maschine auch besichtigt werden. Auch die Absetzung von deutschen und US-amerikanischen Springern in originalgetreuen Uniformen der US-Sreitkräfte des 2. Weltkrieges mit Rundkappen mit automatischer Auslösung war ein absolutes Highlight und sorgte für großes Interesse bei allen Besuchern, wenn auch der Absprung aus etwa 300 Metern für den gemeinen Fallschirmspringer kaum nachvollziehbar bleibt.

Allein der Start bei offener Tür und der Flug auf Absetzhöhe war zum einen imposant und beeindruckend, sorgte aber vor allem für glückselige Gesichter bei allen Springern. Insgesamt konnten sieben Loads für den Fallschirmsprung realisiert werden, woran bei den ersten Planungen nicht im Traum zu denken war. Ergänzt wurden diese durch einige Showstarts und Überflüge in bzw. über Tannheim. Der größte Dank gilt den LO’s  und allen voran allen Springern, die trotz der enormen Erfahrungsunterschiede und Sprungkonfigurationen sehr diszipliniert die Absetzabstände, Höhenstaffelung und Landereihenfolge umsetzten, sodass es zu keinem Zeitpunkt zu „brenzligen“ Situationen in der Luft oder der Landezone kam.

Dass auch der Abend erinnerungsträchtig wurde, ist fast selbsterklärend, wenn auch der Liveauftritt durch ein schnell aufziehendes Unwetter gestört wurde. Dies kann das „Springervolk“ und Flugbegeisterte ja gemeinhin bekannt nicht sonderlich stören, und so verlegte man kurzerhand das gesellige Beisammensein vorübergehend in das Festzelt und feierte noch bis weit in die frühen Morgenstunden unter den Flügeln der „Placid Lassie“.

Abschließend bleibt zu sagen, dass dies augenscheinlich zwar nur ein Sprung aus einem Flugzeug war, aber eben doch etwas ganz Besonderes war und bleiben wird. Denkt man an den Sound der Propellermaschine, so bekommt man vermutlich immer noch ein wohliges Gefühl in der Magengegend und Gänsehaut. Denkt man an den Tag im Ganzen, so bleiben die gute Stimmung und die tollen Menschen in Erinnerung, welche diese Veranstaltung in jedem Fall zu einem einzigartigen Erlebnis gemacht haben. Manchmal braucht es eben nur einen einzigen Sprung … Mit Fug und Recht können wir in Tannheim 2019 behaupten: „Wir hatten den Größten … Absetzflieger“.

Wir bedanken uns ebenfalls bei den Sponsoren und Unterstützern: Familie Dolderer, dem Flugplatz Tannheim, TOTAL, BP, Flughafen Memmingen, Herrn Wonhas (BGM Tannheim), Team Tannkosh, Getränke Wilhelm, BadDay Coffee, der Band „Edelstoff the new Generation“, ATC/DFS München, Segelfluggruppe Tannheim. Nicht zu vergessen unsere LO’s der jeweiligen Starts: Hans Ostermünchner, Klaus Renz, Dieter Kinast, Patrick Schäfer und Felix Kübler.

Patrick Schäfer

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