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Wenn man das heutige Durchschnittsalter bei Rekordversuchen im Formationsspringen in Deutschland errechnet, so ist man schnell in der Altersgruppe der weit über 40-Jährigen. Damals, 1989, als das erste Worldmeet der POPS stattfand, waren die Teilnehmer natürlich rein rechnerisch wesentlich jünger. Grund genug, den „alten Hasen“ im Sport ihren eigenen Wettbewerb zu geben. Nicht, dass Alter ein Grund wäre, keine gute Leistung zu zeigen. Bei dieser Weltmeisterschaft, die von der Vereinigung der über 40-, 60-, 70- und 80-Jährigen ausgetragen wird, geht es darum zu zeigen, was man in diesem Alter noch alles tun kann, was Spaß macht.

Zugegeben, auf den World-Cups und Weltmeisterschaften dürfte nach dem Code-Sportiv das Durchschnittsalter ebenso bereits gut über Vierzig liegen, bedarf es doch einiger Jahre an Erfahrung und auch Trainings, um auf Weltniveau zu fliegen. Doch bei den über 60-Jährigen wird die Luft schon dünner, und so hatte die Idee einer speziell auf diese Altersgruppe ausgerichteten WM einen großen Reiz. Klar, das Programm ist deutlich vereinfacht. Es werden nur Randoms geflogen – wie üblich gelost, aber mit maximal vier Formationen pro Sprung. Es gibt fünf Wertungssprünge und – ganz wichtig – 45 Sekunden Arbeitszeit. Alles streng nach dem Code von den Schiedsrichtern bewertet.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich vor knapp 30 Jahren das erste Mal von diesem Wettbewerb hörte. Bei der Vorstellung, dass Menschen im Alter meiner Eltern diesen Sport ausüben und Leistung zeigen, konnte ich mir ein dummes Grinsen nicht verkneifen. Doch als ich jetzt in Nagambie am Sprungplatz eintraf, strafte alles, was ich hier sah und erlebte, meine frühere arrogante Denkweise Lügen.

131 Springer aus 15 Nationen, davon viele über 60, sehr viele über 70 und einige deutlich über 80, begrüßten mich mit einer Herzlichkeit, die ich so bisher nicht kannte. Sicher, man hatte ja nicht nur den irrsinnig weiten Weg nach Australien geschafft, sondern eben auch die gesamte Entwicklung unseres Sports seit den 1960er Jahren nicht nur erlebt, sondern auch überlebt. Natürlich hatte der eine oder andere so viele Falten im Gesicht, dass man meinen konnte, er befände sich ohne Helm im Freifall. Aber jede Falte erzählt auch eine Geschichte und diesen konnte man Abend füllend lauschen. Neben dem Relativ Wettbewerb im 4er im POPS und SOS gab es auch Wettbewerbe im Zielspringen, klassisch auf die Matte mit einem Para­foil-Modell unterschiedlichster Herkunft. Dann ein Sport-Zielspringen mit Kappen aller Art – hier ist die Regel: ab 100m über Grund ungebremst zu fliegen und in einem Kreis von einem Meter zu landen. Abzüge gibt es für Bodenberührungen, Hinfallen oder das Herauslaufen aus einem 20 x 5m großen Rechteck. Das Herunterhungern der Kappe wie beim Zielspringen ist verboten und gibt null Punkte. Den Wettbewerb gewann übrigens Uli Sehrbrock mit einer 96sqft Kappe – bei einer Tasse Kaffee, als man herausfand, dass er doch schon über 60 ist. Sein stärkster Konkurrent befand sich noch in der 40er POPS Klasse. Am schönsten ist die Tradition, dass zunächst alle Teilnehmer an einem 4er Scramble teilnehmen müssen. Folglich lernte man bereits am Anfang viele Leute kennen und schätzen. Nach dem 4er Wettbewerb, den das deutsche Team um Robert Trögele, Piff Pfeiffer, Uli Sehrbrock, Martin Stromeyer und Ralph Speicher (Video) klar und eindeutig mit 83 Punkten (16,6 Avg) für sich entscheiden konnte, fand noch ein gescrambelter, also international durchgemischter 8er Speed-Wettbewerb statt, bei dem der Veranstalter die 8 Teams aus den jeweiligen Gewinnern der Vierer POPS und SOS und sieben weiteren Teilnehmern zusammenwürfelte. Diese Teams zu organisieren war nicht einfach, galt es doch, einem 85-Jährigen, der nicht mehr knien kann, einem 70-Jährigen mit 17kg schwerer Zielausrüstung und einem einhändigen Afghanistanveteranen die passende Position im 8er Speed zu geben. Trotz des hohen Durchschnittsalters von 69 Jahren gewann mein Team diesen Wettbewerb. In anderen Teams befanden sich ebenfalls Veteranen mit jeweils einem Holzbein oder auch einem 20cm langen Messer am Gurtzeug (… man weiß ja nie). Trotz der sehr unterschiedlichen Leistungen entstand überall eine tolle und freundschaftliche Stimmung, auch wenn das eine oder andere Teammitglied gesucht oder mehrfach an seine Aufgaben erinnert werden musste. Egal – so lange sie noch sauber fliegen und landen können, ist alles gut.

Zum Schluss der WM gab es dann noch den Klassiker „Hit and Rock“ – mit größtmöglichem Spaßfaktor. Es galt, möglichst nahe an einer auf dem Boden liegenden Scheibe zu landen und das Gurtzeug auszuziehen. Lag es am Boden, begann die Stoppuhr zu laufen. Die Scheibe musste berührt werden und man musste zu einem Sessel „sprinten“. Sobald man saß, stoppte die Uhr. Eine unglaubliche Gaudi, weil natürlich nichts so klappte, wie man es sich ausgedacht hatte. Zappelnd hingen die Teilnehmer mit dem Schuh im Gurtzeug, während sie versuchten, zum Sessel zu krabbeln. Oder kamen einfach nicht aus dem Gurtzeug heraus, weil sie irgendwo unter dem Schirm mit allen Leinen und Stoffen verknotet waren. Man darf übrigens den Brustgurt nicht schon am Schirm öffnen, das führt zu Disqualifikation.

Abgerundet haben den Wettbewerb ein hervorragendes Catering und der gelegentliche Besuch von Känguruhs in der Packhalle oder von Opossums beim Abendessen.

Das deutsche Team hat also drei Goldmedaillen mit nach Hause gebracht.

Foto: Martin Stromeyer

Der nächste POPS und SOS Worldcup findet in England 2020 statt und wegen der hervorragenden Organisation und dem sehr großen Spaßfaktor darf man davon ausgehen, dass in Zukunft auch bei den 60-Jährigen das Niveau weiterhin drastisch ansteigt – gut so!

POPS Parachutists over Phorty Society, SOS Skydivers over Sixty, JOS Jumper over Seventy, JOE Jumper over Eighty, Älteste Springer: 85 Pat aus USA und 84 Wladimir aus Russland.

Martin Stromeyer

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