Nach dem zweiten Weltkrieg verbreitete sich das Fallschirmspringen in vielen Ländern als Sport, und zwar vor allem unter relativ jungen Menschen zwischen 20 und 30. Ein etwas älterer Springer (Lenny Barad) fühlte sich vermutlich ein bisschen isoliert unter diesen „jungen Hüpfern“ und gründete 1966 (im Alter von 40 Jahren) in den USA die POPS (Parachutists Over Phorty Society). Das Wort Phorty findet man in keinem seriösen Wörterbuch. Es hat im Vergleich zu Forty aber den Vorteil, das POPS deutlich besser klingt als POFS. Bald gab es in vielen Ländern solche POP Societys, leichtgewichtige Vereine ohne Schatzmeister und ohne Beiträge, getragen von ein paar Freiwilligen, die jedem Mitglied (gegen eine geringe, einmalige Gebühr) eine POPS-Nr zuordnen. Mitglied werden kann jeder, der mindestens 40 Jahre alt ist und mindestens einen Fallschirmsprung gemacht hat.

Die Zeit verging und eine ganze Menge FallschirmspringerInnen wurden älter und älter. Neue Untergruppen der POP Society entstanden: SOS (Skydivers Over Sixty), JOS (Jumpers Over Seventy), JOE (Jumpers Over Eighty), JON (Jumpers Over Ninety). Vor allem in der westlichen Welt gibt es einen starken Trend dazu, Aktivitäten für ältere Menschen zu schaffen. Die vielen Springer-Societys (POP, SOS, JOS, …) liegen voll in diesem Trend. Und sie machen viele Rekorde möglich, die es vorher nicht gab: POP-Rekorde, SOS-Rekorde, JOS-Rekorde, … . Die POP Society der USA verwaltet weltweit alle solche Rekorde und hat seit 1990 mehr als 4.200 Rekorde anerkannt.

Dieser Hintergrund ist nützlich um die volle Tragweite der folgenden Nachricht angemessen zu würdigen: Ende April 2018 waren 2 deutsche Fallschirmspringer, beide aus Berlin (Peter „Grete“ Kazmierczak, Fehrbellin, und Ulrich Grude, Gransee) an einem neuen SOS-Weltrekord im Formationsspringen beteiligt: 66 SpringerInnen über 60 bildeten eine (vorher festgelegte und angekündigte) Formation. Für den Rekord waren 15 Sprünge in Perris, Kalifornien geplant (3 Sprünge pro Tag, 5 Tage), und der Rekord gelang erst beim letzten Sprung am letzten Tag (das passiert bei ähnlichen Rekorden erstaunlich häufig. Das Wissen „Dies ist deine letzte Chance einen Weltrekord zu fliegen“ scheint viele SpringerInnen besonders zu motivieren und zu konzentrieren). Gesprungen wurde aus 4 Skyvans und aus einer Höhe von 16500 ft (ca. 5000m). Vor dem letzten, erfolgreichen Sprung lagen 14 Niederlagen. Beim 4. Sprung waren wir ganz nah dran: der letzte Griff ging leider erst zu, als der erste schon wieder auf war (dabei ging es um Bruchteile einer Sekunde). Bei einem anderen Sprung war fast alles perfekt, nur ein Springer lag zu tief und kam nicht mehr hoch (niemand hat ihn beschimpft, aber vermutlich hat er sich trotzdem nicht besonders wohl gefühlt). Bei allen Sprüngen war die 8-er-Basis sehr gut bis perfekt. Aber manchmal wurde sie zerbombt oder ging durch Höhenunterschiede zum Rest der Formation kaputt. Wenn das passierte gab es natürlich keine Chance mehr, die geplante Formation zu fliegen.

Eine Fußballmannschaft braucht dringend einen guten Trainer, wenn sie schwierige Spiele gewinnen will. Eine Gruppe von FallschirmspringerInnen braucht noch dringender einen sehr guten Coach, wenn sie eine große Formation fliegen will. Wir hatten Dan BC (Brodsky-Chenfeld). Zu seinen Aufgaben gehörte es, sich eine geeignete Formation auszudenken, jeder SpringerIn darin einen bestimmten Platz und einen dazu passenden Platz in einem der Flugzeuge zuzuordnen. Dabei konnte er Wünsche einzelner SpringerInnen berücksichtigen, musste aber solche Wünsche ablehnen, die auf Selbstüberschätzung beruhten. Außerdem musste Dan nach jedem missglückten Sprung dem Team wieder Mut einflößen, indem er z.B. die gut aussehenden Abschnitte der Videos besonders häufig vorführte und besonders gründlich besprach. Auf Fehler wies er auch deutlich hin, aber möglichst kurz und sachlich, manchmal auch in einen Scherz verpackt, und nie beleidigend. Bei einem der ersten Sprünge schickte er 77 SpringerInnen in die Luft. Aber als das nicht zum Erfolg führte, verkleinerte er das Team schrittweise, bis wir bei den letzten Sprüngen nur noch 66 waren. Unter die Zahl 66 konnte Dan nicht gehen, weil der alte SOS-Weltrekord bei 65 lag. 2018 konnte also jede der 66 SpringerInnen das Gefühl haben: „Ohne mich wäre es nicht gegangen!“. Und mit der knappen Zahl 66 haben wir es uns nicht unnötig schwer gemacht, den Rekord 2019 möglicherweise noch einmal zu verbessern :-).

Um die weite Reise von Berlin nach Perris gut auszunutzen hatte ich mich auch noch zu einem JOS-Weltrekord-Versuch angemeldet. Dafür waren 12 Sprünge an 3 Tagen aus 2 Flugzeugen aus einer Höhe von 12500 ft (etwa 3700m) geplant. Nach dem 9. Sprung schrieb ich in mein Sprungbuch: „Mit dem JOS-Rekord wird es wohl nichts“. Aber beim 10. Sprung bekamen wir ein bisschen mehr Höhe (4000m statt 3700m, das sind etwa 6 Sekunden mehr Freifall) und fast alles klappte gut, nur ein einziger Springer schaffte es nicht in die Formation. Wir schöpften wieder Mut. Zwei Springer hatten sich bei der letzten Landung leicht verletzt und humpelten ein bisschen. Aber sie blieben dabei, denn wir waren nur noch 25, und der alte JOS-Rekord lag bei 24. Beim 11. Sprung bekamen wir noch ein bisschen mehr Höhe (4100m, noch 2 Sekunden mehr) und da kamen endlich alle sauber zusammen: 25 SpringerInnen über 70 bildeten die geplante Formation. Nachträglich erfuhren wir, dass der 11. Sprung unsere letzte Chance gewesen war, da der Wind für Sprung 12 zu stark wurde.

Was wird die Zukunft bringen? Für August 2018 ist ein ziemlich ehrgeiziges Projekt geplant: 100 SOS-SpringerInnen sollen in einer Formation zusammenkommen (und damit unseren SOS-Rekord weit überbieten). Grete wird hinfahren und mitmachen, ich werde in Berlin bleiben. Wenn ich es schaffe, noch 6 Jahre fit zu bleiben, kann ich vielleicht an einem JOE-Rekordversuch teilnehmen. Der jetzige JOE-Weltrekord war eine 6-er-Formation. Eine 7-er-Formation müsste eigentlich zu machen sein. Und ich habe ja noch ein paar Jahre Zeit für die Vorbereitungen. Von dem Springer Bill Wood (1930-2016) wissen wir ja: Du hörst nicht auf mit dem Springen weil du alt wirst, sondern du wirst alt, weil du mit dem Springen aufhörst.

Ulrich Grude, Foto: Craig O‘Brien

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