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Bericht von Nicole Haditsch zum Sprungunfall vom 18.11.17 in Pretoria, Südafrika. Das Unfallopfer: männlich, 37 Jahre alt, ca. 1400 Sprünge

Im Rahmen unseres Springerurlaubs haben wir einen großartigen und sehr lieben Freund durch einen tragischen Unfall verloren. Bei allem Schmerz, allem Entsetzen und aller Ohnmacht, haben wir doch eine wertvolle Erfahrung machen dürfen, die ich mit Euch teilen und Euch ans Herz legen möchte: Die Betreuung und Unterstützung durch die Stiftung Mayday, die sich im Notfall auch um uns Fallschirmspringer kümmert.

Die Geschichte im Einzelnen: Unsere 7-köpfige Gruppe des Fallschirmsport Zentrum Haßfurt war für 2 Wochen nach Pretoria gereist. Wir wollten gute Freunde treffen, die vor Ort einen Sprungplatz übernommen hatten. Nach einer einwöchigen Safari im Krüger Nationalpark mit der Platzbetreiberin kamen wir zusammen in Pretoria an. Geplant war ein nettes Wochenende mit Fallschirmsprüngen. So weit war alles einfach wunderbar und schön. Leider kam dann alles plötzlich und ganz anders als geplant: Am Morgen des ersten Sprungtags verunglückte unser aller Freund tödlich. Offensichtlich hatte er in einer schnellen 270° Drehung mit seinem Hochleistungsschirm in niedriger Höhe eine Steuerschlaufe verloren und ist mit hoher Geschwindigkeit auf dem Boden aufgeprallt. Er war sofort tot. Einige von uns – darunter auch seine Ehefrau – haben den Unfallhergang direkt beobachtet. Die Geschehnisse rund um die Bergung des Toten mussten wir aus kaum 100m Entfernung mit ansehen. Die Ehefrau wurde von einer mitreisenden Springerin und der Platzbetreiberin so gut es ging betreut. Währenddessen habe ich versucht mich selbst zu sortieren, um mich um die restlichen Personen der Gruppe kümmern zu können.

Nach Eintreffen des Gerichtsmediziners und der offiziellen Aussage an die Ehefrau, dass ihr Mann verstorben sei, habe ich etwa eine Stunde nach dem Unfall telefonisch Kontakt zur Stiftung Mayday in Deutschland aufgenommen. Diese nahm umgehend Kontakt zu Mayday South Africa auf, um die notwendige Unterstützung vor Ort zu organisieren. Von da an liefen mehrere Stränge parallel. Während sich Mayday South Africa um das psychische Befinden der Gruppe vor Ort, die Formalitäten bezüglich der Identifizierung, die notwendige Logistik und die Freigabe des Verunglückten für den Rücktransport gekümmert hat, hat die Stiftung Mayday in Deutschland auf unseren Wunsch hin alle Maßnahmen für den gemeinsamen Rücktransport der Gruppe zusammen mit dem Sarg vorbereitet. Parallel dazu wurde insbesondere die Ehefrau aus Deutschland heraus telefonisch und direkt vor Ort quasi rund um die Uhr betreut. Wir selbst haben unabhängig von der Stiftung Mayday aus Pretoria heraus uns in Deutschland mit der Gerichtsmedizin, der Polizei, Versicherungen und anderen in Verbindung gesetzt, um kritische Fristen einzuhalten. Auch die Anteilnahme und die sehr große Hilfe einzelner Vereinsmitglieder des FSZ Haßfurt halfen uns, mit dem Verlust eines guten Freundes, Ehemanns und Springers zurecht zu kommen und die schlimmen Bilder, so gut wie unter diesen Umständen möglich, zu verarbeiten.

Bereits am Folgetag ging der Sprungbetrieb weiter. Den Platz weiter zu betreiben, nachdem man selbst gerade einen Freund verloren hat, ist eine enorme Herausforderung. Mayday South Africa war auch hier eine große emotionale Hilfe. Für uns als Gruppe waren die Tage ebenfalls alles andere als einfach. Das Erlebte war und ist auch heute noch schrecklich. Trotzdem war es gut, bereits vor Ort anfangen zu können, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Am Vorabend der Rückreise haben wir es geschafft, uns an der Unfallstelle mit einer kleinen Zeremonie von unserem Freund zu verabschieden.

Ohne das Netzwerk und die organisatorische und emotionale Unterstützung durch die Stiftung Mayday wäre es nicht so einfach gewesen, einfach mal spazieren zu gehen, Gespräche zu führen, ein Bier zu trinken und bereits mit der Trauer beginnen zu können. Wir wären ob der Situation sowohl emotional als auch organisatorisch schlicht überfordert gewesen. Am Rückreisetag selbst wurden wir in Johannesburg von Mayday South Africa und der Lufthansa begleitet und erhielten den bestmöglichen Aufenthalt und die bestmögliche Begleitung sowohl am Flughafen als auch in der Luft. Alle Beteiligten hatten offensichtlich ein entsprechendes Briefing erhalten und sich persönlich engagiert. Die Stiftung Mayday hatte es geschafft, uns mit Hilfe von Lufthansa nach 6 Tagen als komplette Gruppe mit dem freigegebenen Leichnam des Verunglückten gemeinsam zurück nach Deutschland zu holen. Bei der Ankunft wurden wir von Freunden aus Haßfurt und der Stiftung Mayday in Empfang genommen. Auch im Nachgang hatte ich nie das Gefühl, mit dem Erlebten alleine zu sein.

Bis jetzt sind einige Monate vergangen und nach wie vor kümmert sich die Stiftung um alle, die nach diesem Vorfall Ihre Hilfe benötigen. Dies geschieht in so vielen Bereichen, dass alle Rückmeldungen die mich erreichen, nicht nur positiv, sondern überwältigend sind. Wir müssen dringend etwas tun, dass die Arbeit dieser Stiftung in unseren Kreisen bekannter wird und wir müssen die Arbeit der Stiftung unterstützen. Leider ist es nicht die Frage ob, sondern nur wann wir erneut darauf zurück greifen werden müssen.

Es gab einige Monate zuvor einen Sprungunfall in Deutschland der mir persönlich sehr nahe ging – und bei dem leider nur wenig Hilfestellung gegeben werden konnte. Denn es ist in solchen Situationen notwendig, sich telefonisch bei der Stiftung zu melden. Wer für sich entscheidet, Hilfe anzunehmen, dem kann auch geholfen werden. Ausschlaggebend ist die eigene Initiative eines Anrufs, denn die Stiftung Mayday wird weder von der Polizei noch der Unfalluntersuchung o. ä. automatisch alarmiert.

Ich bin seit mehr als zwei Jahren in der Stiftung Mayday tätig und habe bereits mehrfach erlebt, wie viel Hilfe hier geleistet werden kann. Wir sind Flieger/Luftsportler aus allen Bereichen der Luftfahrt und helfen Fliegern/Luftsportlern aus allen Bereichen! Die Arbeit ist so umfassend und vielseitig, dass ich selbst immer wieder überrascht darüber bin, was hier alles getan wird. Es ist mir daher ein großes Anliegen dies im Fallschirmsport zu verbreiten. Denn wir wissen alle, dass es Situationen in unserem Sport gibt, die Hilfe im Nachgang notwendig macht. Natürlich werden alle Kontaktaufnahmen streng vertraulich behandelt. Das Schreiben eines Artikels über einen spezifischen Fall ist daher die absolute Ausnahme und mit allen Beteiligten abgestimmt. Allen war es ein großes Anliegen, die Arbeit der Stiftung und den Unterschied, den sie machen kann, bekannt zu machen.

Auf der diesjährigen Sicherheitstagung des DFV wird Dr. Gerhard Fahnenbruck einen Vortrag zum Thema halten. Jedem, dem dieser Artikel ans Herz geht, empfehle ich sehr, dabei zu sein. Gerhard ist Fallschirmspringer, Pilot, Psychologe, Clinical Director und Mitglied des Vorstandes der Stiftung Mayday und betreut in dieser Rolle seit 24 Jahren ehrenamtlich Menschen in Not. Sein Vortrag beinhaltet die Arbeit der Stiftung Mayday und gibt Hinweise, was wir als Springer und Sprungplatzbetreiber tun können, damit wir auf den Fall der Fälle besser vorbereitet sind. Wer sich vorab mit der Stiftung Mayday beschäftigen mag, dem sei hiermit die Homepage www.Stiftung-Mayday.de ans Herz gelegt.

Nicole Haditsch

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