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WAKE UP – NOWCALL 4 ALL!

Einige Ereignisse und Erfahrungen der letzten Zeit führten mich zu dem Entschluss, in dieser und in den nächsten Ausgaben des FFX Artikel zu verfassen. Ereignisse, die viele von uns kennen und die vielen von uns, auch noch nach Jahren einen eiskalten Schauer den Rücken herunterlaufen lassen. Ereignisse, die evtl. sogar vermeidbar waren! Die Erfahrung, sich für immer von einem bekannten, einem befreundeten, einem geliebten Springer verabschieden zu müssen. Teilweise sogar von sehr erfahrenen und überaus sicherheitsbewussten Menschen und Größen unseres Sports.
Ich möchte mich damit an alle Springer wenden, ganz egal ob Freund oder Feind der Schirmfahrt. Dadurch hoffentlich den ein oder anderen von euch zum Weiterlesen und vor allem aber zum Nachdenken bewegen. Ganz egal ob Anfänger oder erfahrener Springer und ganz egal ob interessierter, wissenshungriger Leser oder Bilderbuchleser, der auf der Suche nach tollen Fotos ist und seiner Meinung nach keine sicherheitsrelevanten Informationen oder Expertenmeinungen mehr benötigt. Selbstreflexion schadet nie und gerade in unserem Sport wird man auch nie wirklich aufhören zu lernen. Und eins, liebe Freunde, ist sicher: Irgendwann kommt für uns alle der Tag, an dem nicht alles so läuft wie immer. Der Tag, an dem wir merken, dass wir vielleicht doch nicht so viel können, wie wir selbst glauben. Der Tag, an dem wir merken, dass es diesmal vielleicht nicht gut ausgehen wird, wenn wir alles so machen wie immer, obwohl es bis dahin immer gut gegangen ist. Und wir, Bekannte, Freunde und Familien haben uns schon viel zu oft im Nachhinein am Hinterkopf gekratzt und uns dabei schockiert und fassungslos die Frage gestellt: „Warum? Wieso? Wie kann das sein?“ Am Sprungplatz aufgewachsen und groß geworden blicke ich nun nach über 20 Jahren aktiv im Sport auf knappe 9000 Sprünge, 13 Jahre auf nationalen und internationalen Swoop-Wettkämpfen und auf zahlreiche Kappenflugseminare quer durch Europa mit intensiven Auswertungen von unzählbaren Schirmfahrt- und Lande-Videos zurück. In dieser Zeit hat sich unser geliebter Sport permanent weiterentwickelt und sowohl sicherheitstechnisch als auch was die Performance angeht, hat sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte sehr viel getan. Doch ein Risikofaktor ist derselbe wie zuvor, der Mensch! Für mich haben sich im Laufe der Jahre viele Fehlerquellen herauskristallisiert, die viele übersehen, verdrängen, gar nicht erst erkennen/wahrnehmen oder schon immer falsch gemacht haben. Fehlerquellen, über die bisher einfach zu wenig bis gar nicht gesprochen wurde, die aber leider in den letzten Jahren zu schweren bis hin zu tödlichen Unfällen von sehr erfahrenen Springern weltweit geführt haben und leider auch scheinbar weiterhin dazu führen werden.

WAS SIND DIE HÄUFIGSTEN URSACHEN FÜR UNFÄLLE BEI DER LANDUNG?

Wie bereits beschrieben ist der Mensch selbst der größte Risikofaktor. Häufig zählen folgende Punkte zu den Entscheidungsfaktoren einer erfolgreichen oder missglückten Landung bzw. im schlimmsten Falle eines Impacts:

  • Mangelnde oder nicht erfolgte Vorbereitung auf den heißen Teil des Sprungs, nämlich der Schirmfahrt und Landung.

  • unfokussierte und unkonzentrierte Ausführung

  • Das eigene EGO / Vorführeffekt

  • Fehlende Kenntnisse des eigenen Schirms

  • Fehlende/Mangelhafte GRUNDKENNTNISSE in Sachen High-/Ultrahighperformance, Kappen und Landungen

  • Foto-/Videosyndrom

  • Erschöpfung/Ernährung

WAS KANN ICH DAGEGEN TUN? WAS MUSS ICH BEACHTEN?

Schon während unserer Sprungausbildung lernen wir eigentlich alle den wichtigsten Grundsatz kennen: Der Sprung ist nicht vorbei, wenn mein Schirm vollständig geöffnet ist! Sondern erst, wenn wir die Landewiese unverletzt verlassen haben! Die Landung ist also genauso Bestandteil des Sprungs wie die Schirmfahrt und sogar der Weg von der Landewiese zurück. Auch hier können wir ja noch ein Hindernis für den ein oder anderen darstellen. Plane den Sprung und springe den Plan – kennen wir alle! Doch warum planen leider viel zu viele den Sprung meist nur bis zur Separation oder zum Öffnungsvorgang? Gehört die Landung nicht zum Sprung? Und dies gilt meiner Meinung nach nicht nur für High-Performance-Landungen oder ab einer Wingload von über 1,5, sondern dies sollte für uns alle, bei jedem Sprung der Fall sein! Ein paar Denkanstöße und Hinweise, die wir uns alle selbst immer wieder geben und auch anderen vor Augen führen sollten:

  • Lande NUR für dich, NIEMALS für andere

  • Gedanken an coole Fotos/Videos sind fehl am Platz

  • Plane den Sprung und springe den Plan (inkl. Schirmfahrt und Landung)!

  • High-Performance-Landungen = High-Performance-Vorbereitung = High-Performance-Sprungbuch

  • Höhe der Dropzone über NN? Eindrehhöhen? Wind? Wetter? Infos zur Landewiese/-richtungen? Hindernisse? Lee/ Luv? Sonstige Besonderheiten?

  • Lande mit mindestens einem Gang zurückgeschaltet

  • Keine HP-Landungen auf unbekanntem Terrain/Landegebiet

  • JEDE HP-Landung sollte am Schirm über 500m mit den kompletten Bewegungsabläufen und gleichmäßigen Inputs wie unten geplant MINDESTENS 1x möglichst in der gleichen Windachse durchgeführt werden (Musclememory). Höhencheck (Verlust) ist hierbei obligatorisch.

  • KEINE HP-Landung OHNE korrekt eingestellten akustischen Höhenwarner (LandingGuide) UND digitalen Höhenmesser.

  • Nachfragen, wie nicht die, sondern ALLE anderen es machen, und hinterfragen, auch wenn du älter und/oder schon länger im Sport bist und meinst, du kannst das schon, oder denkst, dass DIR das NIE passieren könnte.

EINE DER HÄUFIGSTEN URSACHEN SIND HIGHPERFORMANCE-LANDUNGEN

Unter High-Performance-Landungen versteht man beschleunigte Landungen, die über die vorderen Haupttragegurte (Frontriser) und/oder auch über einen Gurtzeug-Input eingeleitet werden. Dabei ist es ganz egal, welche Art von Flächenfallschirm hierbei benutzt wird und ob man diese im Geradeausflug „straight in“ oder mit einer Drehung „turn“ ausführt. High-Performance-Landungen haben also erst einmal nichts damit zu tun, wie groß oder klein der Schirm ist und wie oft man sich dabei um die eigene Achse und demnach auch um sein eigenes Urteils- bzw. Bewusstseinsvermögen drehen kann.

WARUM SIND HIGH-PERFORMANCE-LANDUNGEN SO GEFÄHRLICH?

Durch die bewusste und gewollte Beschleunigung über die vorderen Haupttragegurte und/oder einen Gurtzeug-Input erhöht sich die Sinkgeschwindigkeit und die Geschwindigkeit über Grund „groundspeed“ unseres Fläschenfallschirms drastisch. Nach ausgeführtem Input verringern sich diese nicht schlagartig wieder in den Ausgangszustand, sondern unser Flächenfallschirm behält diese erhöhte Sinkgeschwindigkeit und -rate (dive) je nach Größe und Typ noch einige Zeit bei, bis er wieder annähernd an der ursprünglichen Sinkrate angelangt ist (recovery). Der Schirm benötigt also vom Start der Beschleunigungsphase eine gewisse Zeit und somit auch Höhe, bis er wieder eine Sinkrate erreicht, die eine schmerzfreie Landung möglich macht. Ich glaube, ich brauche nicht näher darauf einzugehen, was passiert, wenn diese Höhe unterschritten wird. Die einzige Chance, einen zu tiefen Turn noch unbeschadet zu überstehen, liegt in unseren Händen, die Toggles. Konkret: Den Schirm mit den Toggles aus dem Dive zu holen. Aus aktuellem Anlass und weil weitere sieben sehr erfahrene Springer mit ähnlichen Sprunganzahlen und ähnlichem Erfahrungsstand weltweit allein in den letzten drei Jahren tödlich verunglückten, möchte ich in dieser Ausgabe einen Punkt hervorheben und genauer beleuchten:

TOGGLE VERLOREN

Der Schirm ist offen und wir hatten einen super Sprung! Landung: Wir leiten unsere Beschleunigungsphase ein. Die Sinkgeschwindigkeit erhöht sich enorm. Doch nun ist auf einmal alles anders …
Kurz vor der Landung verlieren wir ein Toggle. Panik! Der Boden naht. Wir sind schnell. Zu schnell! Was nun? Ich kann das schon? Ich weiß, wie das geht? Ich habe das immer schon so gemacht? – Diesmal nicht! In dieser Situation gibt es keine Musterlösung. Doch was hätte anders laufen können? Die Schuld bei den Herstellern zu suchen und über technische Veränderungen oder Weiterentwicklungen nachzudenken, ist meiner Meinung nach erst einmal der absolut falsche Ansatz. Die eigentliche Hauptursache und Fehlerquelle liegt bei demjenigen selbst, der sich auf die Gratwanderung der High-Performance-Landungen einlässt!

FALSCHES HANDLING!

Viel zu häufig sieht man Springer, die mit vier Fingern in ihre Frontriser-Schlaufen greifen, um so die Beschleunigungsphase einzuleiten. Der Hersteller hat die Frontriser-Schlaufen (oder dive-loops) ja extra so groß angefertigt, dass vier Finger hineinpassen. Doch mit vier Fingern im dive-loop und vier Fingern im Toggle ist das Risiko des Verlustes viel zu hoch. Warum also nicht unsere Rettung (nämlich die Toggles) separat absichern? Greifen wir nur mit zwei oder maximal drei Fingern in die Frontriser-Schlaufen und sichern unser Toggle durch einen oder zwei Finger separat ab, verringern wir das Risiko des Verlust eines Toggles und erhöhen somit die Chance auf unsere eigene Rettung. Auch wenn bis dahin immer alles gut gegangen ist. Doch selbst wenn wir kein Toggle verlieren, heißt das nicht gleich, dass wir automatisch safe sind und uns aus jeder Situation retten können! Eines sollten wir gerade bei Landungen mit High- oder Ultrahigh-Performance-Kappen-Landungen beachten: Der Steuerdruck bei diesen Kappen/Landungen ist enorm und deutlich höher als bei „normalen“ Lenk-/Steuerimpulsen und Landungen.

No-Go

OK

OK

NOTBREMSE MIT DEM EIGENEN SCHIRM?

Lässt sich in sicherer Höhe üben! Noch nie gemacht? Dann wird es Zeit! Die, die mich kennen, wissen, dass ich stets zu sagen pflege: Kenne deinen Schirm, seine Funktionen und sein Flug- und Flareverhalten!

Zum Abschluss möchte ich noch einmal betonen, dass ich hier keine Musteranleitung für High-Performance-Landungen geben und auch niemandem auf die Füße treten möchte. Wenn dieses Gefühl dennoch in dem ein oder anderen aufgekommen ist, solltet ihr selbst hinterfragen, warum. Euch allen möchte ich aber noch ein Zitat von Frank Borman, dem Commander von Apollo 8 (erste Mission zur Umfliegung des Mondes), mit auf den Weg geben:

“A SUPERIOR PILOT USES HIS SUPERIOR JUDGMENT TO AVOID SITUATIONS WHICH REQUIRE THE USE OF HIS SUPERIOR SKILLS.”

In diesem Sinne, Go 4 Hop & Pop Tobi Scherrinsky

Foto: Marcel Verdult

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