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Nasse Springer…

Ich sitze gerade am Rechner und tippe die Worte „Flotation Device“ in Google ein. Auftriebshilfen. Wie so viele Springer möchte ich mir die Winterpause gern auf fernen, warmen, aufregenden Sprungplätzen verkürzen. Und wenn dann noch das Meer in der Nähe ist – ein Traum! Oder etwa doch nicht?!

Den letzten Winter habe ich mir ordentlich versüßt, da waren es gleich drei Springerurlaube an drei unterschiedlichen Orten. Eine Gemeinsamkeit hatten sie alle – meine Füße landeten auf weichem Strandsand direkt am Meer. Mein Gurtzeug und mein Schirm tun mir dabei unfassbar leid, diese Sandstrahlung würde ich ihnen so gern ersparen. Doch dieses tolle Sprungerlebnis, der Ausblick und die besonderen Momente sind mir die verfrühte Abschrift des Materiellen durchaus wert.

Aber diese Urlaube haben auch eine weitere unschöne Gemeinsamkeit – nasse Springer und das nicht nur an den Füßen.

Wenn schon, dann mit Schwung

Es war der letzte Load des Tages und somit hatte sich die Sonne schon fast auf den folgenden Tag verabschiedet. Ein Free­fly-Sprung – er muss gigantisch gewesen sein. Abgesetzt wurde über dem Meer – stört ja keinen, wir haben ja alle steuerbare Flächenfallschirme. Zumal es oft aufgrund der Windverhältnisse auch gar nicht anders geht. Ein Springer dieser Gruppe hatte einen Twist an einer recht kleinen Kappe. Er hat gekämpft und gewonnen, bravo! Doch dann kam Murphy. Der Twist war raus, doch ein weiteres Problem drin! Schauen, greifen, ziehen und das auf der anderen Seite gleich noch mal! Das Resultat war eine super tiefe Reserveöffnung. Eigentlich war es Glück im Unglück, die Reserve war nur wenige Sekunden offen und auf festem Untergrund hätte das sicher ordentlich weh getan. Aber wo fand er sich jetzt wieder? Er trieb auf dem Meer. Er war einen knappen Kilometer vom Ufer entfernt, es wurde dunkel und es war kein Boot im Wasser. Man, würde ich mich scheiße fühlen! Er zog alles aus, selbst den Viso zog er sich vom Handgelenk, er hatte wirklich Angst, da draußen zu ertrinken. Wir, die am Ufer gar nicht wussten, was da draußen auf dem Wasser vor sich ging, waren ebenso in Angst. Am Ende brauchte es etwa 40 Minuten, bis er wieder Boden unter den Füßen hatte. Ein prägendes Ereignis für uns alle.

Unverhofft kommt anscheinend oft

Dann kam der nächste Urlaub. Rauer Pazifik, das Panorama phänomenal! Ein großes Event, viele Springer, viele Loads, viel Wind und somit viel Potenzial für Dinge, die nicht nach Plan laufen. Ich denke über Entscheidungen wie „einen langsam rotierenden Twist brauche ich ja nicht abhängen, ich habe ja Wasser unter mir“ brauchen wir an dieser Stelle nicht zu sprechen. Aber, ja, es ist real passiert! Und auch den Springer, der dachte, er schafft es noch bis zum Ufer, und sich dann doch vom Weißwasser durchschleudern ließ, gibt es. Im dritten Urlaub war es der Höhenwind, der dem Wingsuiter in der ersten Load des Tages zum Verhängnis wurde. Das Boot war da und er wurde schnell von seiner, nach Salz schmeckenden, Landewiese abgeholt. Doch war der Tag im Paradies anschließend ein Tag in der Waschküche – Schirme finden Salzwasser nämlich scheiße!

Es geht nicht darum anzuklagen, Fehlentscheidungen aufzuzeigen oder über organisatorische Abläufe zu sprechen. Es geht darum, Wasser als Gefahrenpotenzial zu erkennen und ernst zu nehmen. Es geht darum, sich selbst zu fragen; ist meine Sprungplanung gut? Macht sie Sinn? Was tue ich, wenn?

Auch gibt es Momente, in denen ich lieber im Wasser lande, als auf den Felsen zu schlagen oder in einer tiefen Kappenkollision zu enden. Aber weiß ich dann auch, wie ich handeln muss, wenn es passiert? Wir saßen alle irgendwann mal in der Groundschool, die einen diesen Sommer, die anderen vor vielen Jahren. Wir haben alle mal etwas zum Verhalten in besonderen Fällen gehört. Doch beschäftigen wir uns alle mit den besonderen Situationen und Gegebenheiten, wenn wir doch eigentlich in den Urlaub fahren wollen, um dem besonderen Kick im Sport noch das Sahnehäubchen aufzusetzen?

Ich bestelle mir jetzt eine Auftriebshilfe. Denn ich habe sie ausprobiert und für mich beschlossen, dass sie mir keine Butter vom Brot frisst. Es gibt echt tolle Systeme, die auch für uns Springer kompatibel und für Disziplinen wie das Wingsuiten geeignet sind.

Wie entscheidest du dich?

Foto und Text: Jule Radow

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